Worüber lachen die Friesinnen? Was schockt den Berliner?


Theater kommt dem einen oder der anderen doch manchmal so [komisch, blöd, langweilig, antiquiert, obsolet] vor.

Das kann manchmal daran liegen, dass die zusehende Person keinen Bedeutungsvorrat für das im Kopf hat, was auf der Bühne zu sehen und von der Bühne zu hören ist.

Auf Ungarisch erzählte Witze finde ich persönlich langweilig, weil ich die Sprache nicht spreche und nicht verstehe.

Viele auf Deutsch erzählte Witze unterfordern mein Humor-Potential und lassen mich nicht mal müde grinsen.

Und das lässt sich auch auf Komplexeres übertragen.

Jüngere, an die rasanten Schnitte ihrer Video-Clips gewöhnte Zuschauer_innen finden Theater zu langsam und daher auch langweilig.

Oft können Sie aber auch dem gesprochenen Wort, welches in Haupt- und Neben- oder in noch komplizierte Schachtelsätze verpackt ist, nicht (mehr) folgen.

Und die Macher_innen von Theater? Wollen der Unter- oder Überforderung begegnen, möchten den Bedeutungsvorrat potentieller Rezipienten ihrer Kunst richtig einschätzen. Oder pfeifen auf das alles und machen einfach, was sie wollen.

50 Prozent des Gelingens eines Theaterabends hängen vom Publikum ab.

Worüber lachen die Friesinnen? Und worüber die Hessen? Oder die Sachsen?

Was schockt den Berliner? Oder die Stuttgarterin?

Worüber schimpft Tuttlingen? Was begeistert Konstanz?

Ist in Frankfurt nachvollziehbar, weshalb etwas in Heidelberg ein Tabu-Bruch ist?

Wieviel Mainstream ist nötig, um mit einem Programm in NRW wie in Oberschwaben touren zukönnen und damit hie wie da auch „anzukommen“?

"Die Sprache ist die Quelle der Missverständnisse", sagt der Fuchs im "Kleinen Prinzen".

Es passiert mir doch allzu oft, dass ich mich wundern darf, welche immense, meist unerwünschte Wirkung eine als harmlos gedachte Aussage in meinem Gegenüber erzeugt. Oder gleich besser formuliert: welche Wirkung mein Gegenüber, auf Basis meiner Aussage, in sich erzeugt.

Die Bedeutung einer Botschaft wird immer autonom vom Empfänger bestimmt. Ein Zitat aus "Einführung in die hypnosystemische Therapie und Beratung" von Gunther Schmidt (ISBN: 3-89670-470-2): "Die Autopoiesetheorie belegt in aktueller wissenschaftlicher Form […], dass alle hypnotischen Induktionsprozesse letztlich immer selbsthypnotische Prozesse sind."

Die Art und Weise, wie der Empfänger eine Botschaft verarbeitet, bestimmt die letztendliche und für ihn gültige Bedeutung dieser Information.

Und jetzt macht mal schön Theater!

Und wundert Euch nicht, wenn's wieder 'n Schuss in'n Ofen ist!

9 Gedanken zu “Worüber lachen die Friesinnen? Was schockt den Berliner?

  1. …schön, dass Du das gerettet hast, finde ich gut… ich hatte bei mir dann den ganzen Thread geloescht, weil der in eine falsche / nicht gemeinte Richtung abdriftete und da dachte ich… erstmal weg damit, sonst tippe ich da jeden Tag eine Stunde… 😉 die habe ich nicht…

    Ich unterschreibe fast alles, was Du da sagst, mit einer ganz gewaltigen Ausnahme / einem grossen Widerspruch…. natürlich ist der Assoziationsraum im Kopf des Betrachters ein wesentlicher Bestandteil für das, was da als Botschaft bei ihm ankommt, zum Glück, möchte man sagen.

    Du hast aber diesen zitierten Satz („Bedeutung einer Botschaft bestimmt der Empfänger“) verwendet, um mir mitzuteilen, dass ich einfach selber schuld bin, wenn ich Theater (ein bestimmtes im konkreten Fall) langweilig finde.

    Ich sei zu doof.

    Und das ist leider der falsche Ansatz, weil ich erstens nicht glaube, dass ich zu doof bin, oder wenn, dann sind das alle mir bekannten Leute, die in der gleichen Vorstellung waren (insgesamt vier Erwachsene, vier Kinder zwischen anderthalb und sieben), und zweitens… ach, ich schreib’s mal lieber gar nicht…

    Ich erwarte von einem Theaterabend ganz einfach, dass er mich meint, dass er mit mir kommunizieren will. Wenn er das nicht leistet, dann rufe ich ihm gern das Brecht-Zitat zu: das sicherste Zeichen, dass etwas nicht Kunst ist, ist die Langeweile.

    Und wenn die da oben nicht meinen, was sie erzählen, sondern Darstellungsbeamte sind, dann langweilt es mich. Und wenn die da oben meinen, dass ich da unten zu doof bin, um sie zu verstehen, oder zu konservativ, oder zu … irgendwas … also wenn die da oben MICH nicht lieben, das können sie auch nicht erwarten, dass ich sie liebe.

    So einfach ist das mit dem Publikumsschwund bei den „Avantgarde“-Aufführungen… da wundern sich die „avantgardistischen“ Theatermacher, dass die Leute kein Geld mehr dafür bezahlen wollen, dass man sie „provoziert“ bzw. einfach beschimpft… offenbar haben sie nicht mitbekommen, dass die Provokation des Publikums nur dann einen Sinn macht, wenn die provozierende Seite Teil eines gesellschaftlichen Spektrums ist, das ernst genommen werden muss.

    Wenn die provozierende Seite aber nur sich selbst vertritt, dann ist das eben irrelevant. Und macht das Theater kaputt…

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  2. Kai, Kai, Kai – ach ist das schön: Genauso hab ich das Verschwinden Deiner Zeilen im Blog gedeutet.

    Du hast ja recht: Was soll man soviel hin und her schreiben, wo doch die Differenzen kaum zu sehen sind.

    Aber eins möchte ich noch nachschieben:
    Du bestätigst aufs Schönste meine These „Der Empfänger macht die Botschaft“.

    Um es ganz klar zu sagen: Von Schuld war nicht die Rede! Und: Ich hatte auch auf keinen Fall gemeint, Du seist (zu) doof!

    Das konnte ich nicht meinen, weil ich Deine Webseite angeguckt und dabei gesehen hatte, was Du mit welchem Erfolg gearbeitet hast.

    Guck noch einmal, bitte, meinen Beitrag oben an, und du siehst: Ich bringe selbst das Beispiel von den mich unterfordernden Witzen, woran DU ein wenig sehen kannst, dass meine allerste Einlassung auch ein wenig ironisch gemeint war.

    Ansonsten, ja, können wir nicht so weit auseinander liegen – wie gesagt, ich habe mir relativ genau das Spektrum dessen angesehen, was Du inszeniert hast. Und was von den Rezensenten, den „Hunden“, dazu gesagt worden ist, ist ja nun sehr, sehr positiv.

    OK???

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  3. ok, wenngleich… wir wissen doch alle, dass man nur das positive als referenzen anführt. ich habe auch schon fundamentale verrisse bekommen, am schmerzlichsten in erinnerung: für „clavigo“ in augsburg (mein einziger skandal mit streit im publikum), für „anatomie titus fall of rome“ in oldenburg

    also mitunter beissen die hunde schon. wobei ich mittlerweile mich mehr freue, wenn qualifiziert gebissen als wenn kenntnislos gelobhudelt wird… na ja, schwamm drüber, ich mach ja nur noch komödien, da kriegt man eher ein lob, weil die kritiker ja dann doch auch nur menschen sind…

    gute nacht
    kai

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  4. Nach einer sehr schwierigen Vorstellung, in der wir das Publikum zum Schluss doch noch an den Haken gekriegt haben, bin ich fröhlich an den PC gekommen, lese Deine Zeilen und sage: Chapeau! Ich glaube, Du bist ein witziger Kerl. Na ja, wo Du schon überall was gemacht hast, vielleicht wär’s für beide Seiten nicht ganz uninteressant, mal in Bayern, ganz am Rand von Bayern, in Neu-ulm…wer weiß… kommt Zeit, kommt…
    Maches ers ma gut! Ma kucken…

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  5. nun bietet mir um Gottes Willen keine Inszenierung an!

    Das Profil Eures Theaters würde zwar zu mir passen bzw., höflicher formuliert, mein Profil zu Eurem Theater, aber erstens fürchte ich, dass Ihr mich nicht bezahlen könnt (denn wenn ich meine beiden anstrengenden Kinder der Mutter allein überlasse, dann muss das wenigstens ein wenig Geld einbringen… 😉 – und, viel viel schlimmer: das würde ja alle meine lauthals geaeusserten Vorbehalte gegen das Bloggen widerlegen!

    Und ich bin nicht sicher, ob ich mit einer so offensichtlichen Fehleinschätzung dann noch weiter Netizen bleiben könnte… welch Aussicht. Wo ich mich doch gerade so gemütlich einrichte…

    Kai

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  6. Ein lesenswerter Schlagabtausch, welcher bei mir unter anderem die Frage aufwirft, ob ich Herrn Fetersen kennen müsste. Ich werde das prüfen.

    Inhaltlich ist die These des Empfängers, der die Nachricht macht, insoweit zu unterstützen, als dass sich ein und dieselbe Botschaft tatsächlich von Adressat zu Adressat unterschiedlich vermitteln kann. Umgekehrt ist es ja so, dass Theaterkritiken zuweilen mehr über den Kritiker aussagen als über das zu kritisiernde Stück.

    Diese Erkenntnis sagt an sich über die Mündigkeit eines potentiellen Publikums noch nichts aus, sondern stellt lediglich fest, dass Theater Kommunikation ist, die – wie auch Herr Fetersen bestätigt- keine einseitige ist. Aufgrund jener These die Verantwortung für theatrales Gelingen an das Publikum abzugeben, wäre freilich die falsche Konsequenz. Spannendes Theater geht vielmehr von einem mündigen Publikum aus, welches in konstruktiver Weise das Gelingen eines Theaterabends mitgestaltet. Alles andere führt zu der bekannten Selbstzensur in Provinztheatern, die dem angeblich dem Neuen verschlossenen Publikum Bekanntes in Variation liefert oder zu der von Herrn Fetersen beschriebenen Provokationsnummer in Großstadttheatern, wo eine Schauspielerin auf die Bühne kotzt, eine andere sich schreiend die Kleider vom Leib reisst und eine dritte im HIntergrund onaniert – und das Ganze nennt sich dann „Drei Schwestern“ von Tschechow.

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  7. Da finde ich doch tatsächlich auch noch einen Gedanken des Heinrich von Kleist, den ich hier mal zitiere:
    „Nicht das, was dem Sinn dargestellt ist, ist das Kunstwerk, sondern was das Gemüt – durch diese Darstellung erregt – sich denkt, das ist das Kunstwerk.“

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