Toptheater mit Katja Riemann und Peter Lüdicke


Im Aprilheft „theater heute“ sagt uns Schaubühnen-Dramaturg und Autor („Der Häßliche“) Marius von Mayenburg ein paar Binsenweisheiten über die Mechanik der Komödie. Erstaunlich, welche Einsichten manche im Laufe ihres (Arbeits-) Lebens gewinnen… Und „theater heute“ (9.80 € pro Heft) druckt das dann ab, einschließlich einigen von Mayenburgschen Unsinns zum Thema Komödie.

In „seiner“ Schaubühne hab ich vor einiger Zeit ein Stück gesehen, welches ich am Mittwoch dann in einer gänzlich anderen Fassung in der Komödie am Kurfürstendamm erleben durfte. Was von Mayenburg auch alles so von sich geben darf (er redet auch über Komödie-Spielen in der Schaubühne im Vergleich zum Komödie-Spielen in der Komödie am Kurfürstendamm) – die beiden Inszenierungen dieser wunderbaren Spielvorlage von Ingmar Bergmann lassen von Mayenburgs Aussagen ziemlich theoretisch und ziemlich stussig erscheinen.

Die „Szenen einer Ehe“ in der Schaubühne waren das, was so landläufig von renommierten Bühnen geboten wird. Es war also nicht schlecht, man konnte es ansehen. Besser als so manches Stadt-Theater sicher…
Aber hurra, Donner und Doria, Halleluja: Ich versteige mich dahin zu behaupten: Die Inszenierung von Amina Gusner (merkt Euch den Namen!) in der Komödie am Kurfürstendamm ist ganz großes Schauspiel.

So stelle ich mir Theater vor.

Ein Stoff, der sich lohnt;

Verzicht auf jedweden Ausstattungs-Schnick-Schnack – die Bühne reine Aktionsfläche, Licht und Ton dienende, das Spiel kongenial begleiten Elemente;

eine Regie, Zucker, verzichtet auf alles Künstliche, vertraut auf Text und Darsteller (und lässt womöglich die Figuren sich weiter entwickeln);

und vor allem: Katja Riemann und Peter René Lüdicke zeigen alles, nein mehr, als man erwarten darf. Da gibt es eine Zahnputzorgie… da ist beinahe schon alles gesagt, mit drei (?) Minuten gemeinsamem Zahnputz! Und dann, hey, heissa, juchhe zwei Telefonate (ohne Requisit), die sind sowas von die Figuren decrouvierend und die Darsteller in ihrem Können ent-larvend. Das Telefonat des Ehemann-Arschlochs mit der Frau im Krankenhaus, die eine (von ihm gewünschte) Abtreibung hinter sich hat… Und das andere Telefonat, welches die Frau mit ihrer Mutter führt, um einmal, ein einziges Mal den regelmäßigen sonntäglichen Besuch abzusagen, was dann doch wieder so kläglich scheitert…

Wer hat die Pausen gesetzt, Frau Gusner? Wie könnte man diese Pausen setzen, ohne dass sie so was von gefüllt werden, wie es die Riemann tut oder der Lüdicke?

Schaut sie an – Ihr müsst lachen und auch weinen, Ihr müsst mitleiden und Ihr müsst hassen (den Johann auf jeden Fall).

Schaut’s Euch an – und widersprecht mir, wenn Ihr könnt.

Glückwunsch an die Komödie am Kurfürstendamm.

Hoch lebe sie.

Aber bei unserem Theater-Kunstbetrieb hat das nie eine Chance, zu einem Theatertreffen eingeladen (oder zum Beispiel für „Der Faust“ nominiert) zu werden… Dazu wird dann auch zuviel gelacht.

6 Gedanken zu “Toptheater mit Katja Riemann und Peter Lüdicke

  1. Es war einmal, es ist vorbei. Wer es nicht gesehen hat, der fehlt Entscheidendes. Natürlich wissen er und sie das nicht. Wer drin war, weiß wohl: Daran muss sich alles Weitere messen! Die anderen können so weiter machen.

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  2. Liebe Frau Häberle,

    ich kann Ihnen nur zustimmen. Wir sind extra aus Düsseldorf in die schöne Stadt Berlin gereist um "Szenen einer Ehe" zu sehen. Wow! Zuerst dachte man "Lachen" sei das Hauptaugenmerk, schließlich ist man ja in der "Komödie". Doch schnell verging uns das Lachen. Man war erschrocken, es schmerzte, es ließ verzweifeln und die Stimmung drehte sich im Publikum. Beschämtes Lachen, reizloses Hüsteln, verstimmtes Ignorieren. Von Allem ein bißchen und Katja Riemann & Rene Lüdicke ganz groß auf der Bühne. Beschämend weil man nicht möchte das es so ist und doch mit dem Wissen "Szenen einer Ehe" ist mehr Realität als uns wohl lieb ist.
    Leidenschaft, Hingabe, grandioses Schauspiel !
    Wunderbare Inszenierung von Amina Gusner !

    Im August geht es weiter…wer bis jetzt noch nicht drin war… sollte es dann tun…

    100% Theater PUR !

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  3. Ich!! :-)

    Hey…

    Ich werde mal ganz anders beginnen…
    Tolles Stück für den ersten "richtigen" (gewollten) Theaterbesuch.
    Also hier ist meine Geschichte…
    Man kommt an der Komödie am Kurfürstendamm an und ist als (17-jährige) junge Frau als erstes geschockt, denn man befindet sich in einer Traube von reifen Damen und Herren. Man fragt sich: "Sind die nicht zu alt?" Dann geht man rein und das übliche Vorgehen folgt. Smalltalks, Toilettenbesuche … Okay, lassen wir das. Das Licht geht aus und es geht los… Super. Mit Musik fängt alles an… Ja, richtig klasse die beiden. Katja und natürlich auch Peter. Weiter geht es über das Zähneputzen, den Familienalltag, den Trennungsschmerz, den letzten Sex, das Treffen nach der Trennung und überhaupt das ganze Leben… Ja, das alles wirkt so real. Viele fühlen sich ertappt und müssen sich räuspern. Warum? So ist das Leben. Man fragt sich: "Ist es das, was noch auf mich wartet? Enden wir alle so? Warum? Geht es nicht anders?" Man überlegt nicht – nicht wirklich – wenn man den beiden zusieht. Nein, das kommt dann später. Im Moment fühlt man mit. Man beginnt sogar zu verstehen warum alles so gekommen ist. Man ist Teil davon, will es aber nicht sein. Vielleicht sind viele peinlich berührt, aber warum eigentlich? Warum spricht man denn nicht darüber? Was ist daran so "schlimm"? Es ist doch leider(?!) viel zu oft so. Irgendwie überstehen dann fast alle den Theaterbesuch und wer zu schwach oder (keine Ahnung was mit einem dann passiert) ist, der verlässt die Vorstellung halt mit einem lauten Schmeißen/Knallen/Plautzen der Tür.

    Vielleicht zu real? Falsche Erwartungen gehabt? Erkannt? Man sollte sich schon alles ansehen… C´est la vie. Der Abschluss ist doch wieder schön und dann folgt auch nur noch der Applaus… Klatscht man für die Schauspieler? Für den Mut? Für die Liebe? Oder weil sich das so gehört??? Doch niemand (auch ich nicht) findet den Mut und steht auf oder pfeift… Alle klatschen. Ist das nicht schon wieder Beweis genug? Der “Marsch” aus dem Theater erfolgt dann wieder auf die herkömmliche Art und Weise. Man lobt, kritisiert und denkt auch über sich nach. Vielleicht schreibt man noch 2/3 Zeilen… (Ich war hier… Danke. etc)

    Am nächsten Tag geht das Leben weiter… Menschen verlieben sich. Trennen sich. Betrügen sich. So ist das."Szenen einer Ehe".

    Dank an die Schauspieler (Danke Katja. Danke Peter.) Dank an Amina Gusner. Dank auch an Ingmar Bergman. Dank an die Komödie am Kurfürstendamm (und alle, ja all die, die hier noch nicht erwähnt wurden…)

    Ich!! 🙂

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  4. Liebe Peggy, liebe Ich -:),

    bei Euren Kommentaren geht mir das Herz auf. Übrigens, so ganz neben bei: Wenn ich oben schrieb, "Aber bei unserem Theater-Kunstbetrieb hat das nie eine Chance, zu einem Theatertreffen eingeladen (oder zum Beispiel für "Der Faust" nominiert) zu werden… Dazu wird dann auch zuviel gelacht.", so stimmt das nicht mehr. Ich selbst habe die Regie, die Ausstattung und die beiden Akteure für "Der Faust" vorgeschlagen – ob es Erfolg hat? Das ist ja eine komplizierte und wenig transparente Geschichte. Deswegen bin ich gegen solche Preise, aber die "Szenen einer Ehe" haben mich zum Votum gezwungen.

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  5. Peggy hatte in ihrem Kommentar erwähnt, im August ginge es weiter. Das stimmt. Hier sind die Termine:
    Wiederaufnahme im August 30., 31.,
    Wiederaufnahme im September 1.,2., 3., 5., 6., 7., 8., 9., 10., 14.

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  6. „Natürlich“ hat die Produktion keinen „Faust“ bekommen, war noch nicht einmal nominiert. Ich habe mir all‘ die Jahre angesehen, wer nominiert und wer dann letztlich ausgezeichnet worden ist – nie mehr schlage ich vor. Obwohl der Bühnenverein immer wieder eine Aufforderungsmail schickt (warum so oft? Wollen die anderen auch nicht mehr?). Ich war beteiligt an den Diskussionen, ob man einen Theaterpreis kreiert und nach welchem Modus er vergeben wird. Meine ärgsten Befürchtungen haben sich leider bewahrheitet.

    https://theaterneuulm.wordpress.com/2006/12/15/jammervolle-veranstaltung/

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