Wien kocht mit Wasser


Die Wasser-Qualität in Wien ist so gut wie der Durchschnitt dessen, was in Flaschen abgefüllt wird – oder sogar besser! Es lässt sich gut trinken. Und sicher lässt sich damit kochen. Die Wiener Theater kochen wohl auch nur mit Wasser. Drei Vorstellungen haben wir gerade in dieser Woche gesehen, drei Mal hat es uns nicht vom Hocker gehauen.

Einmal war es ein Stück, welches ich auch schon in der Dramaturgie und für mich abgelehnt hatte. Aber weil an dem Tag nix anderes lief, sind wir doch rein, nachdem wir es geschafft hatten, statt der günstigsten Preises von 23.- € Zu einem Kollegenpreis reinzukommen (nach vergeblichem Versuch an der Tageskasse und zwei unfruchtbaren Telefonaten mit einem Anrufbeantworter dann) mit Hilfe eines Telefonanrufs einer derzeit bei uns engagierten Wiener Kollegin. Den ausgehängten Szenenfotos von verschiedenen Produktionen nach zu urteilen: ein Multifunktions-Bühnenbild, völlig falsche Besetzung, mäßige Regie und eben eine mittelmäßige Textvorlage. Die drei Kolleginnen und Kollegen mühten sich kräftig. Der Rest sei Schweigen.

Die zwei anderen Stücke sahen wir in einem renommierten Wiener Theater. Abgesehen davon, dass eine unserer beiden (regulär bezahlten) Karten in Kategorie I (41.- €) zweimal verkauft war und ich erstens zehn Minuten des Anfangs verpasste, bis man mich in die (spontan eingerichtete, sonst nicht vorhandene) dritte Reihe einer Seitenloge verfrachtet hatte, von wo ich mindestens ein Drittel der Bühne nicht einsehen konnte, weil es im toten Winkel lag, war es mir vergönnt, gleichzeitig das höchst amüsierte Publikum im ausverkauften Haus zu betrachten. Das Stück? Na ja. Die Besetzung: österreichische TV-Stars, die sogar uns Süddeutschen von der Mattscheibe her bekannt waren (ORF 1 ist immer toll, weil da nie durch Werbung unterbrochen wird). Vor allem die beiden Kollegen Hauptdarsteller, auch als Kabarettisten einschlägig aufgefallen, extemporierten kräftig – mussten aber selber zu oft über ihre Gags lachen. Gerade darauf schien das Publikum aber zu warten, lachte mit und honierte die Darbietung der beiden zum Schluss mit Bravos und besonders heftigem Applaus.

Auch zwei Tage in einem Stück mit drei Damen war österreichische TV-Prominenz am Start. Das Stück stammt aus dem PC eines äußerst bekannten Bühnenautors. Wir haben es gerade auf dem Dramaturgentisch und möchten es gern Anfang 2008 aufführen. Es dreht sich in den Gesprächen der drei Frauen ausschließlich um Männer. Es verwunderte mich nicht, dass die vom Lesen her erinnerten Schmunzler sich nicht in Reaktionen beim Publikum umsetzten. Man hatte sich allzu sehr auf die Textvorlage und die Bekanntheit der Darstellerinnen verlassen. Das Stück läuft bereits über ein halbes Jahr, war zu 90 Prozent ausverkauft (bei über 400 Plätzen!), und offenbar war das Publikum auch ganz angetan. Meine Verdächtsmomente erhärteten sich beim Betrachten der Informationen zu den Darstellerinnen im Internet. Eine Sprechtheater-Ausbildung hat keine. Da sind viele TV-Filme (auch im Entertainment- und Comedy-Bereich) verzeichnet, auch Gesangsstudium und sowas…

Bin ich blöd oder was? Puristin? Nur neidisch? Also – bei uns hat es nicht richtig gezündet. Wir haben dann schwer überlegt – und sind zu dem Schluss gekommen: Auch mit weniger bekannten, aber fürs Genre qualifizierten Kolleginnen ist das Ding mit Erfolg zu machen. Wir werden es probieren! Ihr erfahrt es dann über "theaterjobs.de", unserem bevorzugten Casting-Portal, mit dem wir ähnlich gute Erfahrungen gemacht haben wie Kai Festersen in einem Kommentar auf Claudias Blog schildert.

3 Gedanken zu “Wien kocht mit Wasser

  1. Nicht nur in Wien kann man soetwas erleben! Auch an den renomierten Hamburger Bühnen sieht man häufig Leute in Inszenierungen, bei denen man sich fragt „Wo ist hier der Unterschied zur vielgescholtenen Provinz ?“

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  2. Ja, liebe Claudia, das stimmt. Allerdings haben wir in Hamburg bislang nur gute Sachen gesehen, so zum Beispiel „www.slums.de“ im Deutschen Schauspielhaus, „Port Authority“ im Thalia-Ableger. In Berlin haben wir, wie im Blog geschildert, zuletzt die überragenden „Szenen einer Ehe“ und davor mehrere andere gute und sehr gute Sachen („Marlene“ zum Beispiel) gesehen, aber auch viel (Mittel-)Mäßiges und sogar einiges aus unserer Sicht darunter Rangierendes. Trotzdem fahren wir in die Metropolen, um zu sehen, wo wir selbst stehen, um uns inspirieren und um uns womöglich begeistern zu lassen.

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  3. … und ich kann gar nicht sagen, wie toll ich das finde! Mein Gefühl ist nämlich, daß Theatermacher viel zu häufig bequem geworden sind und sich nicht mehr interessieren.

    Das macht auch mir als Schauspielerin zu schaffen, denn in Hamburg ist es oft nicht möglich, sich durch eine Produktion an anderen Theatern zu empfehlen, da Intendanten und Regisseure kaum bereit sind, sich anzusehen, was die Kollegen so treiben?!

    Eine der letzten „nur mit Wasser gekochten“-Inszenierungen war für mich: „Der Bus oder das Zeug einer Heiligen“ ein Auftragswerk des Thalia-Theaters. “ Stunden meines Lebens, die ich wirklich wertvoller hätte verbringen können!

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