Flachlandbewohner und Plattköpfe


Von Plattköpfen erzählt B.Brecht. Edwin A. Abbott erzählt von „Flachland“ („Flatland. A Romance of Many Dimensions“). Gern ist man geneigt zu glauben, man selbst lebe in den (lichten) Höhen. Dabei hat man sich lediglich selbst ein wenig überhöht (und ist dabei überheblich geworden). Ich möchte Euch mit

Flachland bekannt machen.

Seht Euch um – und bekommt den Weitblick.

Nebenbei ein wenig einschlägige Musik, Brecht / Weil, Alabama-Song, interpretiert von

The Doors

Aus dem Buch „Wie wirklich ist die Wirklichkeit?“ des Autors Watzlawick ist diese kurze Geschichte entnommen worden. Er schreibt an dieser Stelle über ein Buch von Edwin A. Abbott (1838-1926). Die Geschichte ist insofern interessant, als dass die Beschränktheit des menschlichen Wesens aufgezeigt wird. Doch lesen Sie selbst – viel Vergnügen.

Flachland

Schafe-Flachland

Flachland ist die Erzählung eines Bewohners einer zweidimensionalen Welt; also einer Wirklichkeit, die nur Länge und Breite, aber keine Höhe kennt; eine Welt, die flach wie ein Bogen Papier und von Linien, Dreiecken, Quadraten, Kreisen usw. bevölkert ist. Diese können sich frei auf, oder besser gesagt, in dieser Oberfläche bewegen, doch sind sie wie Schatten unfähig, sich über sie zu erheben oder unter sie abzusinken. Es braucht nicht betont zu werden, dass sie sich dieser Beschränkung unbewusst sind, denn die Idee einer dritten Dimension, der Höhe, ist für sie unvorstellbar.

Der Erzähler dieser Geschichte hat ein ihn völlig überwältigendes Erlebnis, dem ein sonderbarer Traum vorausgeht. In seinem Traum findet er sich plötzlich in einer eindimensionalen Welt, deren Bewohner entweder Striche oder Punkte sind, die sich alle auf ein und derselben Linie vor- oder rückwärts bewegen. Diesen Strich nennen sie ihre Welt, und für die Bewohner von Strichland ist die Idee, sich auch nach rechts oder links, statt nur nach vorne oder rückwärts zu bewegen, vollkommen unvorstellbar. Vergeblich versucht unser Träumer also, dem längsten Strich in Strichland (ihrem Monarchen) die Wirklichkeit von Flachland verständlich zu machen. Der König hält ihn für geistesgestört, und angesichts solch hartnäckiger Borniertheit verliert der Träumer schließlich die Geduld:

Wozu noch mehr Worte verschwenden? Wisse, dass ich die Vollendung deines unvollständigen Selbsts bin. Du bist eine Linie von Linien, in meinem Lande ein Quadrat genannt: Und selbst ich, obwohl dir unendlich überlegen, gelte wenig im Vergleich zu den großen Edlen von Flachland, von wo ich, in der Hoffnung, deine Unwissenheit zu erleuchten, gekommen bin.

Auf diese wahnwitzigen Behauptungen hin stürzen sich der König und alle seine strich- und punktförmigen Untertanen auf das Quadrat, das aber durch das Läuten der Frühstücksglocke in die flachländische Wirklichkeit zurückgeholt wird.

Im Laufe des Tages tritt ein weiteres ärgerliches Ereignis ein. Das Quadrat gibt seinem kleinen Enkel, einem Sechseck1, Unterricht in den Grundbegriffen der Arithmetik und ihrer Anwendung auf die Geometrie. Es zeigt ihm, wie die Zahl der Quadratzoll eines Quadrats einfach dadurch berechnet werden kann, dass man die Seitenlänge in Zoll zu ihrer zweiten Potenz erhebt:

Das kleine Sechseck überlegte sich dies eine Weile und sagte dann: „Du hast mich aber auch gelehrt, Zahlen zur dritten Potenz zu erheben: Ich nehme an, 33 muss eine geometrische Bedeutung haben; was bedeutet es?“ „Nichts, gar nichts“, antwortete ich, „wenigstens nicht in der Geometrie; denn die Geometrie hat nur zwei Dimensionen.“ Und dann zeigte ich dem Jungen, wie ein Punkt, der sich um drei Zoll verschiebt, eine Linie von drei Zoll erzeugt, die sich durch die Zahl 3 ausdrücken lässt; und wie eine Linie von drei Zoll, die sich drei Zoll weit parallel zu sich selbst verschiebt, ein Quadrat von drei Zoll Seitenlänge ergibt, das durch 32 ausgedrückt werden kann.

Worauf mein Enkel wiederum auf seinen früheren Einwand zurückkam, indem er mich unterbrach und ausrief: „Nun denn, wenn ein Punkt durch die Bewegung von drei Zoll eine Linie von drei Zoll eine Linie von drei Zoll erzeugt, die durch 3 dargestellt wird; und wenn eine grade Linie von drei Zoll, die sich parallel zu sich selbst verschiebt, ein Quadrat von drei Zoll Seitenlänge ergibt, dargestellt durch 32; so muss ein Quadrat von drei Zoll Seitenlänge, das sich irgendwie parallel zu sich selbst bewegt (obwohl ich mir nicht vorstellen kann, wie), etwas ergeben (obwohl ich mir nicht vorstellen kann, was), das in jeder Richtung drei Zoll misst – und das muss durch 33 dargestellt sein.“

„Geh zu Bett“, sagte ich, etwas über seine Unterbrechung verärgert, „wenn du weniger Unsinn sprächest, hättest du mehr Vernunft.“

Schafe-Flachland

Und so wiederholt das Quadrat, ohne sich von seinem eigenen Traume eines Besseren belehren zu lassen, denselben Irrtum, von dem er den König von Strichland zu befreien versucht hatte. Im Laufe des Abends aber will ihm das Geschwätz seines Enkelkindes nicht aus dem Kopf gehen, und schließlich ruft es laut aus: „Der Junge ist ein Dummkopf, sage ich; 33 kann keine Entsprechung in der Geometrie haben.“ Plötzlich aber hört er eine Stimme: „Der Junge ist kein Dummkopf; und 33 hat eine offensichtliche geometrische Bedeutung.“ Es ist die Stimme eines sonderbaren Besuchers, der aus Raumland gekommen zu sein behauptet – einer unvorstellbaren Welt, in der die Dinge drei Dimensionen haben. Und ähnlich wie das Quadrat selbst sich in seinem Traume bemüht hatte, versucht nun der Besucher, ihm die Augen dafür zu öffnen, wie eine dreidimensionale Wirklichkeit beschaffen und wie beschränkt Flachland im Vergleich zu ihr ist. Und genauso, wie das Quadrat selbst sich dem König von Strichland als Linie von Linien, definiert sich der Besucher als Kreis von Kreisen, der in seinem Heimatland eine Kugel genannt wird. Dies aber kann das Quadrat natürlich nicht fassen, denn es sieht seinen Besucher als Kreis – allerdings als einen Kreis mit sehr befremdlichen, unerklärlichen Eigenschaften: Er wächst und nimmt wieder ab, schrumpft gelegentlich zu einem Punkt oder verschwindet völlig. Mit großer Geduld erklärt ihm die Kugel, dass an all dem nichts Merkwürdiges ist: Sie ist eine unendliche Zahl von Kreisen, deren Durchmesser von einem Punkt bis zu dreizehn Zoll steigt und die aufeinandergelegt sind. Wenn sie sich also durch die zweidimensionale Wirklichkeit von Flachland bewegt, ist sie für einen Flachländer zunächst unsichtbar, erscheint dann als Punkt, sobald sie die Fläche von Flachland berührt, wird dann zu einem Kreis mit stetig wachsendem Durchmesser, bis ihr Durchmesser wieder abzunehmen beginnt und sie schließlich ganz verschwindet. Dies erkläre auch die überraschende Tatsache, dass die Kugel das Haus des Quadrats trotz des verschlossenen Türen betreten konnte. Die Kugel betrat es natürlich von oben, doch die Idee „von oben“ ist dem Denken des Quadrats so fremd, dass es sie nicht fassen kann und sich daher weigert, sie zu glauben. Schließlich sieht die Kugel keinen anderen Ausweg, als dem Quadrat, indem es sie nach Raumland mitnimmt, eine Erfahrung zu vermitteln, die wir heute ein transzendentales Erlebnis nennen würden:

Ein unbeschreibliches Grauen packte mich. Da war Finsternis; dann eine schwindelerregende, schreckliche Sicht, die nichts mit sehen zu tun hatte; ich sah eine Linie, die keine Linie war; Raum, der kein Raum war: ich war ich selbst und nicht ich selbst. Als ich meiner Stimme wieder mächtig war, schrie ich in Todesangst: „Dies ist entweder Wahnsinn oder es ist die Hölle.“ „Es ist weder das eine noch das andere“, antwortete die ruhige Stimme der Kugel, „es ist Wissen; es sind drei Dimensionen: Öffne deine Augen wieder und versuche, ruhig zu blicken“

Von diesem mystischen Augenblicke an nehmen die Ereignisse einen tragikomischen Verlauf. Trunken durch das überwältigende Erlebnis des Eintretens in eine völlig neue Wirklichkeit, möchte das Quadrat nun die Geheimnisse immer höherer Welten erforschen, der Reiche von vier, fünf und sechs Dimensionen. „Ein solches Land gibt es nicht. Die bloße Idee ist völlig undenkbar.“ Da das Quadrat aber nicht aufhören will, darauf zu bestehen, schleudert es die erzürnte Kugel schließlich in die Enge von Flachland zurück.

An diesem Punkte wird die Moral der Geschichte sehr realistisch. Das Quadrat sieht sich vor die glorreiche, dringende Aufgabe gestellt, ganz Flachland zum Evangelium der drei Dimensionen zu bekehren. Doch es fällt ihm nicht nur immer schwerer, die Erinnerung an jene dreidimensionale Wirklichkeit wachzurufen, die anfangs so klar und unvergesslich schien, sondern es wird sehr rasch vom Flachland-Äquivalent der Inquisition verhaftet. Statt am Scheiterhaufen zu enden, wird es zu ewiger Verwahrung in einem Gefängnis verurteilt, das Abbotts erstaunliche Intuition als das Gegenstück gewisser Irrenanstalten in unseren heutigen Zeiten beschreibt. Einmal im Jahre kommt der oberste Kreis, das heißt der Hohepriester, ihn in seiner Zelle besuchen und erkundigt sich, ob es ihm schon besser geht. Und jedes Jahr kann das arme Quadrat der Versuchung nicht widerstehen, den Obersten Kreis zu überzeugen versuchen, dass es eine dritte Dimension wirklich gibt – worauf jener den Kopf schüttelt und sich ein weiteres Jahr lang nicht sehen lässt.

Schafe-Ärsche

Flachland stellt die Relativität der Wirklichkeit schlechthin dar, und aus diesem Grunde möchte man wünschen, dass das Buch von jungen Menschen gelesen werde. Die Geschichte der Menschheit zeigt, dass es kaum eine mörderischere, despotischere Idee gibt als den Wahn einer „wirklichen“ Wirklichkeit (womit natürlich die eigene Sicht gemeint ist), mit all den schrecklichen Folgen, die sich aus dieser wahnhaften Grundannahme dann streng logisch ableiten lassen. Die Fähigkeit, mit relativen Wahrheiten zu leben, mit Fragen, auf die es keine Antworten gibt, mit dem Wissen, nichts zu wissen, und mit den paradoxen Ungewissheiten der Existenz, dürfte dagegen das Wesen menschlicher Reife und der daraus folgenden Toleranz für andere sein. Wo diese Fähigkeit fehlt, werden wir, ohne es zu wissen, uns selbst wiederum der Welt des Großinquisitors ausliefern und das Leben von Schafen leben, dumpf und verantwortungslos und nur gelegentlich durch den beizenden Rauch eines prächtigen Autodafés oder der Schlote von Lagerkrematorien unseres Atems beraubt.

Zitat

„Die zwingende Genauigkeit, deren das mathematische Denken fähig ist, hat manche zu einem Stil verführt, der den Leser in eine grell erleuchtete Zelle einschließt, wo jede Kleinigkeit mit schwindelnder Helligkeit ohne Relief hervorsticht. Ich liebe die offene Landschaft unter einem heiteren Himmel mit tiefer Perspektive, wo der Reichtum naher, scharfer Details langsam zum Horizonte verschwindet.“

Hermann Weyl

Limes-Artikel Februar 1999 von Thomas Feher

2 Gedanken zu “Flachlandbewohner und Plattköpfe

  1. Im "Lesebuch für Städtebewohner"

    Setzen Sie sich!
    Sitzen Sie?
    Lehnen Sie sich bequem zurück!
    Sie sollen bequem und leger sitzen.
    Rauchen können Sie.
    Wichtig ist, daß Sie mich ganz genau hören.
    Hören Sie mich genau?
    Ich habe Ihnen etwas mitzuteilen, was Sie interessieren wird.

    Sie sind ein Plattkopf.
    Hören Sie auch wirklich?
    Es besteht doch hoffentlich kein Zweifel darüber, daß Sie mich klar und deutlich hören?
    Also:
    Ich wiederhole: Sie sind ein Plattkopf.
    Ein Plattkopf,
    P wie Paul, l wie Ludwig, a wie Anna, zwomal t wie Theodor
    Kopf wie Kopf.
    Plattkopf.

    Bitte unterbrechen Sie mich nicht.
    Sie sollen mich nicht unterbrechen!
    Sie sind ein Plattkopf.
    Reden Sie nicht. Machen Sie keine Ausflüchte!
    Sie sind ein Plattkopf.
    Punkt.

    Ich sage das doch nicht allein.
    Ihre Frau Mutter sagt das doch schon lang.
    Sie sind ein Plattkopf.
    Fragen Sie doch Ihre Angehörigen
    Ob Sie kein P sind.
    Ihnen sagt man das natürlich nicht
    Denn da werden Sie doch wieder rachsüchtig wie alle Plattköpfe.
    Aber
    Ihre ganze Umgebung weiß seit Jahr und Tag, daß Sie ein P sind.

    Es ist ja typisch, daß Sie leugnen.
    Das ist doch die Sache: es ist typisch für den P, daß er es ableugnet.
    Ach, es ist schwer, einem Plattkopf beizubringen, daß er ein P ist.
    Es ist direkt anstrengend.

    Sehen Sie, das muß doch einmal gesagt werden
    Daß Sie ein P sind.
    Das ist doch nicht uninteressant für Sie, zu wissen, was Sie sind.
    Das ist doch ein Nachteil für Sie, wenn Sie nicht wissen, was alle wissen.
    Ach, Sie meinen, Sie haben auch keine anderen Ansichten als Ihr Kompagnon
    Aber das ist ja auch ein Plattkopf.
    Bitte, trösten Sie sich nicht damit, daß es noch mehr P’e gibt.
    Sie sind ein P.

    Ist ja auch gar nicht schlimm
    Damit können Sie Achtzig werden.
    Geschäftlich ist es direkt ein Vorteil.
    Und politisch erst!
    Nicht mit Geld zu bezahlen!
    Als P brauchen Sie sich um nichts zu kümmern.
    Und Sie sind ein P
    (Das ist doch angenehm?)

    Sie sind immer noch nicht im Bilde?
    Ja, wer soll’s Ihnen denn noch sagen?
    Der Brecht sagt’s ja auch, daß Sie ein P sind.
    Also bitte, Brecht, sagen Sie ihm doch als Fachmann Ihre Ansicht.

    Der Mann ist ein P.
    Na also.

    Einmaliges Abspielen der Platte genügt nicht.

    Es handelt sich im Kern um eine durchkomponierte Gruppe von zehn Gedichten, die 1926/27 entstanden sind und 1930 als Teilsammlung "Aus einem Lesebuch für Städtebewohner" veröffentlicht wurden. Sie gehören nach Meinung von Brechtkennern zu den eindrucksvollsten Großstadtgedichten deutscher Sprache, wobei es für sie irritierend ist, dass sie, so Walter Benjamin, "zu Hoffnung oder Verzweiflung berechtigen". Ist der "neue Mensch", mit dem sich nach Brecht eigener Aussage diese Gedichte "befassen", völlig angepasst oder "revolutionär" eingestellt? Der Experte Prof. Dr. Hans Vilmar Geppert (Neuere Deutsche und Vergleichende Literaturwissenschaft) geht davon aus, dass Brecht diese von ihm selbst als "Texte für Schallplatten" bezeichneten Gedichte, wohl für den Rundfunk bestimmt hatte.

    Liken

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