Unser Dorf soll schöner werden


Ulm sieht sich gerne als "Spitze im Süden" (Werbeslogan). Dazu muss natürlich vieles beitragen, auch das Stadtbild. Das muss sauber sein. Ordentlich. Immer wieder sind da allerdings Sabotageakte zu beklagen. Reden wir gar nicht erst von Sprayern, nein, da gibt es renitente Gastronomen, welche städtische Reglementierungen nicht beachten und vor ihren Lokalen wild bestuhlen; irgendwelche Kultur-Chaoten missachten das Gesetz "quod licet jovi, non licet bovi" und hängen – wohl nach dem Vorbild politischer Wahlkämpfer – einfach auch Plakate an Laternenpfählen auf. Oder sie beantragen das Aushängen ordnungsgemäß, bringen dann aber statt der genehmigten 30 einfach 80 an. Das muss ja Reaktionen der Verantwortlichen nach sich ziehen.

kunsthalle.jpgDas Szene-typische und –übliche Annoncieren kultureller Aktivitäten per „wild“ Plakatieren ist „Verschandelung des öffentlichen Raums", meint Bürgermeister Wetzig? Wenn er durch die Stadt spaziert, bekommt er "manchmal einen Schreikrampf".

„Lassen Sie mal Fünfe grade sein!“ riet unlängst Professor Dr. Björn Bloching (u.a. Partner der Unternehmensberatung Roland Berger) bei einem Vortrag in der „Oberen Stube“, zu dem er von einem illustren Veranstalter-Quartett (Ulmer Museumsgesellschaft, Gesellschaft 50, Volkshochschule und Busse Design) eingeladen worden war. „Ist Ulm kreativ genug?“ lautete der Titel des Vortrags. Blochings Fazit: Ulm ist technologisch sehr gut aufgestellt, belegt im Städtevergleich sogar Platz drei. Sehr kulturell sei es aber nicht. Da müsse man etwas tun. Bloching rät, das freie Spiel der Kreativität wieder zuzulassen. Die "kreative Klasse" wolle keinen retortenmäßigen Masterplan. In puncto kreativer, subkultureller "Bohème"-Szene, einem extrem wichtigen Faktor für die Zukunft einer Stadt, habe Ulm erhebliche Defizite. Für Bloching "ein Alarmsignal" – auch mit Blick auf eine "europäische Kulturhauptstadt".

Wie kann sich eine off-Szene entfalten, wenn sie öffentlich nicht wahrgenommen werden kann? Wenn sie in den Medien gegenüber den zahlenmäßig größeren Konkurrenten immer hintan steht? Wenn sie die teure Werbung in Printmedien, Radio, (Regional-) TV oder bei Wall nicht zahlen kann? Wenn sie nur auf den offiziellen Litfasssäulen kleben darf? Da müsste man DIN-A1-Plakate hängen, die aber sonst nirgendwo „untergebracht“ werden könnten – was dann allein den Druck (ohne Grafik etc.) auf 5.- € pro Plakat schraubt. Für zehn Tage! Und womöglich an einer schlecht sichtbaren Rückseite.

Kulturmanagerin Karla Nieraad (verntwortlich fürs Programm im Ulmer Stadthaus) sagt richtig: „Wenn man in einer Großstadt lebt, müsste man … doch auch Plakate, bunte Bilder und wilde Werbung in der innersten Innenstadt nicht nur aushalten können, sondern auch gerne aushalten wollen."

Warum? Weshalb? Was das soll? Wieso das so wichtig ist?

kunst-chaos.jpgDie renommierte Unternehmensberatung Roland Berger Strategy Consultants und die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung (F.A.S.) haben zehn deutsche Städte untersucht, die exemplarisch für kreative Regionen stehen. (Wer sich für die Studie interessiert: http://rangliste.faz.net/staedte/article.php?txtid=studie) Danach sind „Technologie“, „Talent“ und „Toleranz“ sind die drei Merkmale, die eine Stadt für die Kreativen attraktiv sein lassen. Nur wo alle drei Bedingungen gegeben sind, gedeiht ein innovatives urbanes Umfeld, welches mehr Wohlstand für ihre Bürger bringt.

Eine Stadt, die auf Dauer konkurrenzfähig sein will, muss Spitzenwerte anstreben – neben den Parametern „Technologie“ und „Talent“ auch und in Sachen „Toleranz“, muss ihre schrägen Vögel füttern und neue anlocken, muss hegen und pflegen, was man „Boheme“ schimpft. Ein solches Klima lockt die „kreative Klasse“: Ingenieure, IT-Spezialisten, Wissenschaftler, Architekten, Chefärzte, Modeschöpfer, Rechtsanwälte, Investmentbanker, Wirtschaftsprüfer und Werber, aber auch Musiker, alle Web2.0-Designer – alle Menschen, die Citys mögen, weil sie dort mehr Optionen haben, als sie je realisieren könnten. „Nicht zuletzt dieses Chancenpotential ist einer der stärksten Magnete einer Stadt.“, stellt Rainer Hank, einer der hinter der F.A.S. steckenden „klugen Köpfe“, fest. „Für die Standortentscheidung der kreativen Klasse ist es offenbar wichtiger, dass ihre Stadt eine gute Subkultur und Off-Szene hat (Clubs, Kleinkunst, Jazz und Tanz), als dass es dort international renommierte Opern- und Konzerthäuser gibt (was meist der städtischen Administration besonders am Herzen liegt).“

Wer sich für die Studie interessiert – hier klicken

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