Schöne Erkenntnis


Im heutigen lokalen Feuilleton einer Tageszeitung finden wir einen "Zwischenruf", in dem sich unter der Überschrift "Titel und andere Katastrophen" der Redakteur mit einigen Produktionen der Privattheaterszene in der Doppelstadt befasst.

 

Sie wollen ein kleines, aber erfolgreiches Theater betreiben? Ganz einfach. Okay, Schauspieler und Bühne braucht man – die finden sich schon. Entscheidend sind die richtigen Stücke. Genauer: Stücke mit den richtigen Titeln.

Zuschauer interessiert, so zeigt das Repertoire kleiner Bühnen, nur ein Thema: "Liebe und andere Katastrophen" (Augus-Theater) beziehungsweise "Männer und andere Irrtümer" (Westentasche) beziehungsweise "Ehekräche und andere Liebeserklärungen" (Theaterei).

Es geht also stets, immer, überall nur um das Eine. Wir sehen Frauen ("Freundinnen", "Sekretärinnen", "Ladies Night"), Männer ("Machos, Memmen und Mimosen", "Ganze Kerle", "Männerseelen", "Mann oh Mann") und alles, was dazwischen passiert ("EiferSucht", "Offene Zweierbeziehung", "Schnüffler, Sex und schöne Frauen").

Das Spektrum reicht von totaler Erfüllung ("Alles nur aus Liebe") bis zu toter Hose ("Leere Betten"). Auch speziellere Spielarten sind möglich ("Gatte gegrillt", "Liebesglück in der Hölle", extrem: "Die schwäbische Lust"). Hauptsache, es geht zur Sache ("Erotisch? Aber ja", "Sex – aber mit Vergnügen").

Was, Sie wollen einen Klassiker spielen? Aber höchstens "Kabale und Liebe".

MAGDI ABOUL-KHEIR, Südwest Presse, Ulmer Kulturspiegel, Samstag, 21. März 2009

 

Gesehen hat er in (m)einem (der) Theater nichts, sonst wüsste er, dass es in "Ganze Kerle" nicht "um das eine" geht, in "Männerseelen" auch nicht, in "Ladies Night" nicht, in "Sekretärinnen" wenig und in "Freundinnen" (da geht es unter anderem um Sterbehilfe) schon gar nicht. "Schnüffler, Sex und schöne Frauen" ist zum Beispiel eine Krimi-Persiflage im Stil des film noir (Philip Marlowe, Humphrey Bogart lassen grüßen). Aber die Titel passen eben so schön in die Reihe.

Die "Klassiker" – Goethe ("Faust"), Schiller ("Die Räuber") oder Dostojewski ("Aufzeichnungen aus dem Kellerloch") – hätten so wenig gepasst wie junge Autoren: Conor McPherson ("Salzwasser"), Kai Hensel ("Klamms Krieg", Yasnina Reza ("Drei Mal Leben") oder Pam Gems ("Marlene").Abgesehen davon, dass "Sex – aber mit Vergnügen" aus der Feser eines Nobelpreisträgers (Dario Fo) stammt.

Nun gut – Männer sind doch weiterhin für Frauen ein Buch mit sieben Siegeln und die Frauen bleiben weiterhin für Männer ein ewiges Rätsel – also sind die entsprechenden Programme weiterhin fürs Publikum höchst interessant.

Sie wollen einen kleinen "Zwischenruf" schreiben? Ganz einfach …

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s