Japanerin entdeckt „neuen“ Heinz Erhardt


„Ich war ein Wunderkind“, behauptete Humorist Heinz Erhardt bei seinen Bühnen-Auftritten. „Schon mit sechs Jahren und einem Finger konnte ich ‚Die letzte Rose’ auf dem Klavier spielen.“ Nur wenig später, noch als Teenager begann er für Klavier zu komponieren. Ausgerechnet die japanische Pianistin Chie Ishii ist über Heinz Erhardts Familie auf die handschriftlich-verfassten Notenblätter gestoßen, hat sie im Frühjahr diesen Jahres (2009) auf CD veröffentlicht und im März in der Berliner Philharmonie in einem kompletten „Heinz Erhardt-Abend“ uraufgeführt. Die erste Vorstellung nach der äußerst gelungenen Premiere spielt Frau Ishii im AuGuSTheater Neu-Ulm: am Freitag, 18. September.

Das AuGuSTheater Neu-Ulm sucht nun einen Medienpartner und Sponsoren, die mithelfen, das Publikum auf den außergewöhnlichen Abend aufmerksam zu machen.

Chie Ishii und Heinz Koch nach der „Schelm“-Vorstellung auf der Bühne des Studios im AuGuSTheater Neu-Ulm

Multikünstlerin Chie Ishii, unter anderem Pianistin, Komponistin und E-Bassistin in einer Coverband, traf am Berliner Künstlerstammtisch einen Kollegen wieder, der ehedem als Restaurant-Chef auf dem DDR-Schiff „MS Arkona“ tätig und da zusätzlich für die Künstlerbetreuung zuständig war. Der hatte sich inzwischen ganz als Landratte niedergelassen – der Liebe wegen. Und seine Liebe war eine der drei Töchter Heinz Erhardts. In der Familie Erhardts wurden die von Hand geschriebenen Kompositionen verwahrt, die – natürlich, wo sonst? – auf dem Dachboden gefunden worden waren.

Was ziemlich untergegangen ist: Heinz Erhardt, 1909 geboren, war nicht nur erblich vorbelastet – sein Vater war Kapellmeister, sein Großvater Musikalienhändler -, und er lernte nicht nur den Beruf des Großvaters, sondern ließ sich auch zwischen 1925 und 1929 am Leipziger Konservatorium am Klavier und in Komposition ausbilden. Aus dieser Zeit stammen die 24 Kompositionen, die Frau Ishii nun unter dem Titel „Heinz Erhardt … mal klassisch“ eingespielt hat.

Als sie die Noten nach einem Kennenlern-Prozess von der Erhardt-Famile ausgehändigt bekam, man hatte sie spielen hören, kannte sie Heinz Erhardt nicht. Klar. In Japan ist er total unbekannt. Aber die Musik gefiel ihr ausnehmend gut. Es gab dann ein Hauskonzert bei „Erhardts“, und knospte die Idee, die Musik zu publizieren. Im Verlauf dieses Prozesses lernte die japanische Künstlerin durch Gespräche mit der Familie, Bücher, Filme und Mitschnitte von TV-Auftritten die andere Seite Heinz Erhardts kennen. Und lieben!

In seinen jungen Jahren, vor dem Krieg und im Krieg war Heinz Erhardt schon auf Bühnen sehr erfolgreich. Noch wusste man allerdings nicht, ob man ihn als humoristischen Musiker oder als musikalischen Humoristen einsortieren sollte. Die Entwicklung nach dem Krieg ließ ihn zum Poeten des Wirtschaftswunders werden, eine Rolle, die der ehemals schlanke und ranke Erhardt dann auch augenfällig verkörperte. Vor allem prägte später die Rolle des Tapsigen, Trotteligen in eher als harmlos und unbedeutend einzustufenden Filme sein Image.

Die Sprachspielereien und spitzfindigen Verse des in den 50er und 60er Jahren beliebtesten deutschen Humoristen interessierten Chie Ishii ungemein. Hatte sie als Japanerin – im Land der aufgehenden Sonne hat man ein Faible für deutsche romantische Musik – schon sehr schnell Zugang zur Musik gefunden, so fand sie, dass immer wieder Musikstücke mit sehr viel Verwandschaft zu einem bestimmten Gedicht. Und dann reifte die Idee, einen Abend zu realisieren, in dem die Musik und Verse aus der Feder Erhardts gekoppelt werden.

„Heinz Erhardt … mal klassisch“ ist ein Bühnenprogramm mit seiner sensationellen romantischen Klaviermusik und jeweils dazu passenden Gedichten. Es ist ein unterhaltsames und abwechslungsreiches Bühnenprogramm auf hohem Niveau für Musikfans und Theatergänger, für Heinz Erhardt-Fans und auch für Erhardt-„Neulinge“ gleichermaßen ein wirkliches Highlight. Dabei erzählt Chie Ishii auch auf charmante Weise die Lebensgeschichte von Heinz Erhardt und – authorisiert von der Familie – private, bis jetzt unbekannt gebliebene Anekdoten.

Die Premiere in der Berliner Philharmonie war ein Riesenerfolg. Chie Ishii, deren Urgroßvater übrigens Botschafter im preußischen Berlin war und die seit drei Jahren mit dem deutschen Kapitän der „MS Europa“ Peter Losinger verheiratet ist, wurde vom Publikum gefeiert. Dabei waren auch die drei Erhardt-Töchter. Und als nun Chie Ishii übers Internet auf den Heinz Erhardt-Abend des AuGuSTheater Neu-Ulm stieß, ein Gastspiel anbot und die Macher des Theaters als eifrige „web 2.0“-Nutzer über eine Internet-Umfrage („doodle“) Meinungen vom Publikum dazu einholten, meldete sich auch eine der drei Erhardt-Töchter, Marita Malicke-Erhardt, die Jüngste im Trio, und kommentierte im Internet:

"Stehende Ovationen waren der beste Beweis, dass dieses Programm einfach Spitze ist. Ich gratuliere ihnen zu der Gelegenheit, dass diese Künstlerin in Ulm auftreten kann. Ihr Publikum wird es ihnen danken. Freundliche Grüße nach Ulm und Toi, Toi, Toi."

In Berlin unterscheidet man nicht sooo genau zwischen Ulm und Neu-Ulm. Chie Ishii allerdings wohnt nicht nur in Berlin, sondern zeitweilig auch in Ravensburg, der Heimatstadt ihres Mannes. Und: Sie hat sich das AuGuSTheater Neu-Ulm schon angesehen und den Flügel, auf dem sie spielen wird, getestet: Am 1. August hat sie zusammen mit ihrem Mann die Vorstellung „Hach, bin heute wieder mal ein Schelm“ im AuGuSTheater genossen. Ergebnis dieses Besuchs: Was sie gesehen hat, hat sie bestärkt, das Gastspiel zu realisieren. Es wurde ein langer Abend, mit Fachsimpeleien über Theater im Allgemeinen, Kabarett und Heinz Erhardt im Besonderen und: über Schifffahrt, weil (Ost-)Seefahrt-erprobte Theater-Gäste aus Kiel mit in der Runde saßen.

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