Einspringen (Theatermachen 3)


Hitchcock

Das Theatermacher-Duo hat – wie immer freitags – Dienst im Büro. Leute kommen und gehen, das Telefon klingelt ziemlich oft. Das Übliche. 12.50 Uhr, kurz vor Büro-Schluss. Wieder klingelt das Telefon. Der GAU: Anruf des Partners unserer Schauspielerin, die in Hitchcocks Comic-Thriller besetzt ist: "Sie kann heute Abend nicht spielen. Und morgen auch nicht. Sie liegt danieder mit einer Lebensmittelvergiftung, die sie sich beim Essen im Restaurant gestern Abend eingefangen hat."

Suspence wie bei Hitchcock. Der Thrill ist da. Was tun? Genesungswünsche ausrichten lassen, klar! Ärztliches Attest einfordern, auch klar!

Und dann? Zu viele Bestellungen für die Abendvorstellung als dass man auf das andere Stück, was mittwochs und donnerstags im Studio läuft, umpolen könnte. Das geht schon bei den bereits verkauften Karten mit den Preiskategorien gar nicht auf. Vielleicht haben viele das "Ersatzstück" auch schon gesehen und wären sauer. Die müssten wir auszahlen, sie über den kaputten Abend trösten (für den sie vielleicht sogar einen Babysitter hatten engagieren müssen).

Ganz ausfallen lassen? Wie soll das denn mit dem Publikum gehen? Die übrigen Kollegen sind auch schon auf der Anreise. Denen muss man mindestens das Ausfallhonorar zahlen. Wer? Wovon? Bei Absage binnen 24 Stunden ist das Ausfallhonorar ohnehin nicht der volle Gagensatz. Das können nicht alle verkraften, die brauchen jeden Cent. Sollen wir das Lokal, in dem die Kollegin vergiftet worden ist, in Regress nehmen? Geht das überhaupt? Wie lange dauert sowas, bis man Geld bekommt? Abhaken.

Die Intendantin hat binnen Sekunden begriffen, dass wir zwar im äußersten Notfall wieder mal mit unserem Kult-Kabinett-Stückchen "Liebe & andre Katastrofen" in die Bresche springen könnten, um wenigstens die von auswärts angereisten Besuchern etwas zu entschädigen (wobei die Frage der Ausfallhonorare wohl an uns hängen bleibt. Dass die Kollegin krank ist, dafür kann sie ja nichts. Und die Kollegen werden uns groß und erwartungsvoll angucken, )

Aber im Grunde weiß die Intendantin-Kollegin sofort: Ich muss bis heute Abend den Text intus haben und einspringen. Die ständige Begleitung der Produktion lässt sie zwar einigermaßen vertraut sein mit den Abläufen, aber: Das wird ein absoluter Gewaltakt.

Wo ist das Rollenbuch? Keine Ahnung. Also beenden wir umgehend (es ist ohnehin 13 Uhr) den Kartenvorverkauf für Silvester und schließen das Büro. Sie macht sich schnell was zu essen und wartet auf das Textbuch der Tontechnik. Das kommt um 13.15 Uhr aus dem Theater. Ab da wird gelernt. Der erste Kollege aus Würzburg trudelt schon gegen 14 Uhr ein und bietet sich sofort an, mit der "Einspringerin" Textpassagen zu korrepetieren. Der andere Teil des Theatermacher-Duos setzt sich an den PC und extrahiert die Passagen der drei im Stück vorgesehenen Damen-Rollen. Das ist so gegen 15.15 Uhr fertig und geht per Mail an den Copy-Shop. Ausgedruckt und gebunden liegt um 15.30 Uhr übersichtlich das verschlankte, nur die notwendigen Passagen enthaltende Textbuch parat.

Um 16 Uhr "stehen" drei Viertel des Textes im Kopf der Protagonistin. Die letzten Teile werden so präpariert, dass sie unmerklich auf der Bühne ins Spiel einbezogen werden können. 17.15 Uhr Kostümprobe. Ach du Schreck, wo hat die (erkrankte) Kollegin denn die "Bauersfrau" versteckt? Das Kostüm fehlt. Hat sie es etwa (unerlaubterweise) zum Waschen mit? Ab in den Fundus, Ersatzkostüm aussuchen und anprobieren. Gar nicht so einfach. Das Dirndl der "Margot Hellwig" aus "Ganze Kerle" muss herhalten. Basta!

17.40 Uhr: Die beiden restlichen (längst per SMS alarmierten) Kollegen treffen vorzeitig ein. Verständigungsprobe. Das Stück war von der Presse als "zweistündige Hochgeschwindigkeits-Komik" tituliert worden. Da kann man sich vorstellen, über was man sich alles verständigen muss. Alle schaffen konzentriert. Bestimmte Slapsticks werden wiederholt. Der gesamte Text läuft einmal durch. Kleine Änderungen im Ablauf werden verabredet. Der Co-Intendant nimmt das Textbuch nochmals zur Hand und macht für diesen Abend in einer längeren Szene den genialen Strich, den er von Anfang an im Sinn hatte. Auch das wird noch eingespeist.

18.50 Uhr: Beruhigtes Aufatmen auch der zunächst skeptischen Kollegen. Nun wächst die Spannung, ob man die Spannung halten kann.

Halt! Jetzt noch die große Frage: Sagt man vor der Vorstellung was zum Publikum? Die Kollegen sind dafür. Nun gut, vor Beginn der Produktion hatte der Dramaturg (Personalunion u.a. mit Intendant) schon einen Prolog vorgesehen. Da den aber der Regisseur nicht wirklich gewollt hatte, war drauf verzichtet worden. Nun wird die alte Idee realisiert und dabei auch die Umbesetzung eingebaut.

20 Uhr: Publikumslicht aus, Spot an, der Intendant (Dramaturg, Kartenabreißer, Tontechniker …) tritt vor den "Roten Vorhang", macht seinen Prolog, kündigt die Umbesetzung an, geht an seinen Tontechnik-Platz und erlebte dort in den nächsten zwei Stunden, wie seine Intendanten-Kollegin Claudia Riese(in "Die 39 Stufen" als Annabella Schmidt, als Bäuerin Margret und als Pamela) kam, sah und siegte.

22.18 Uhr: Ein tosender Schluss-Applaus belohnte sie. Pfiffe, Bravo-Rufe. X Vorhänge. (Die vielen Zwischenbeifall-Stürme sind zeitlich nicht festgehalten.)

Bleibt nachzutragen, dass auch die kurz vor 20 Uhr über die Ulmer Taxi-Zentrale georderten Blumen pünktlich zum Schluss-Applaus da waren und Claudia überreicht werden konnten.

Am Samstag dann: Text verfestigen, konzentrieren, fokussieren und – auch die zweite Vorstellung vor beinahe ausverkauftem Hause bestens absolvieren.

Am heutigen Sonntag haben wir zwei das Ganze nochmals nachtarockt. Wir sind überzeugt: Das macht uns so schnell keiner nach – oder sind wir da zuuu eingebildet?

Ein Gedanke zu “Einspringen (Theatermachen 3)

  1. Wow!
    großartig!
    nein, das macht euch so schnell keiner nach, glückwunsch! und ein bißchen eigenlob ist manchmal durchaus angebracht 😉
    ich habe (fast) ein zimmer sicher und heute eine sehr schmeichelhafte kritik im weserkurier (siehe blogeintrag von eben)…
    läuft…

    Liken

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