Mach kein Theater (Theatermachen 6)


„Im Leben neigen wir alle dazu, Rollen zu spielen – eine Widerlegung des puritanischen Gebots ‚Mach kein Theater‘, das auf naive Weise unterstellt, dass Sein Wahrheit ist und Schauspielern die Lüge.“ Das schreibt George Tabori unter der Überschrift „Konflikt. Nachwort zu einem wichtigen Buch“ (nämlich zu Keith Johnstone: „Improvisation und Theater“). Und in diesem Nachwort reflektiert Tabori über den Begriff „status“, der bei Johnstone (und im von diesem begründeten Improvisationstheater / Theatersport) eine so große Rolle spielt. Tabori meint, „status“ sei vom höflichen Briten Johnstone an Stelle von „Macht“ gebraucht.

Machtspiele (status-Kämpfe) sind doch das Elixier der meisten Bühnen-Produktionen. Und sie finden auch vor, neben, hinter der Bühne statt. Da SchauspielerInnen aber nicht nur exibitionistisch veranlagt sein müssen (sonst könnten sie sich nicht auf Bühnen trauen), sondern in einer ohnehin sich immer narzisstischer gerierenden Gesellschaft im Bereich des darstellenden Personals der Narzissmus einzelner zu- und auch überhand nimmt, wird auf den Bühnen, und daneben, davor und vor allem auch dahinter Theater gemacht, dass es kracht – auch sprichwörtlich, auch im wahrsten Sinne des Wortes.

Es ist beim Theatermachen sehr schwer, diese Forderung „Mach kein Theater“ durchzusetzen. Der Narziss macht, das ist sein Wesen, ständig Theater. Wenn man dann ein Stück inszenieren möchte, in dem ein solch narzisstischer Mann gezeigt wird und womöglich das Wesen der Bühnenfigur dem des Darstellers zu sehr entspricht und dieser immer wieder sich selbst darstellt – oh, Leute, das ist hart … Weil Narzissmus für die, die ihn ertragen müssen, einfach zu hart ist. Ich kann Euch was erzählen! So wie Johnstone Macht durch den (beschönigenden) Ausdruck status ersetzt, wird der Narziss gern „Diva“ genannt. Der Diva (m oder f) werden gern ihre Launen nachgesehen. Aber hey, ich warne Euch: Narzissten haben keine lustigen Launen, sie zielen auf das Zerstören ab. Die Zielscheiben sind arm dran, den anderen spiegelt der Narziss Charme vor.

Sagt eine Ehefrau A zu ihrer besten Freundin B über ihren Ehemann (der seit Jahren ein Verhältnis zu B hat, wovon A nichts ahnt): „Alles nur Fassade. Aber was ist bei ihm nicht aufgesetzt? Das Lachen? Mitgefühl? – Liebe?“ Regieanweisung des Autors: A und B schweigen. Jede hängt für einen Moment ihren Gedanken nach

Was A und B im Stück auf der Bühne machen, sollten die SpielerInnen im „wahren“ Leben, all die Kollegen, Partner, Kinder, Eltern oder was auch immer solcher Narzissten tun! Wenn ich sie rieche, kommen sie mir nicht (mehr) ins Haus. Aber nicht immer schaut man sofort hinter die Fassade.

Literaturempfehlungen:

George Tabori: „Bett und Bühne. Über das Theater und das Leben“, Wagenbach

Marie-France Hirigoyen: „Die Masken der Niedertracht. Seelische Gewalt im Alltag und wie man sich dagegen wehren kann“, dtv

Bärbel Wardetzki: „Eitle Liebe. Wie narzisstische Beziehungen scheitern oder gelingen können“, Kösel-Verlag

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s