Digitaler Maoismus


Myriaden von Fliegen können nicht irren: Scheiße muss schmecken. Andererseits: Zeitgenössische Kunst ist nicht massenkompatibel.

Ein Künstler ist Solist, zwangsweise, Individualist, Ausländer überall.

Der polyglotte Theatermacher Georges Tabori bezeichnete Heimat immer als den Ort, wo gerade „seine“ Bretter standen, die ihm die Welt bedeuteten. Exakter sagte der Weltbürger: „Ich bin grundsätzlich ein Fremdling. Erst hat mich das gestört, aber alle Theatermacher, die ich liebe, waren Fremde. Meine Heimat ist ein Bett und eine Bühne.“
Und etwas anders: "Ich habe keine Heimat, in jedem Sinn des Wortes Heimat, nicht einmal einen Ruheplatz, außer dem Theater."

Als es die DDR noch gab, "rieten" Konservative den Leuten, die an bundesrepublikanischen Zuständen was zu monieren hatten: "Geh doch rüber, wenn Dir hier was nicht passt."

Der CSU-Oberbürgermeister einer bayerischen Kleinstadt tat diesen Spruch sogar einem aktiven Bundeswehr-Berufsoffizier rein, als der eine Unterschriftenliste übergeben wollte, in der Mängel und Probleme im Wohnquartier aufgelistet waren.

Und in der virtuellen Welt? Entdeckt man längst ähnliche Mechanismen. Auch ist Kritisch-sein, autonom sein wollen, Individuum nicht sooo sehr gefragt. Dass Konservative, Fundamentalistische, Orthodoxe, Strengreligiöse, Ideologische gern ausgrenzen, verbannen oder gar auslöschen wollen, das kennt man, da hat man sich (fast) schon dran gewöhnt.

Aber versuch mal auf Wikipedia an dem einen oder anderen Begriff mitzuarbeiten. Wenn Du da nicht dem opinionleader folgst, geht es los, bist Du gehst oder gesperrt wirst. Interessant, was dazu Jaron Lanier, ein Internetpionier, jüngst in einem Interview mit "sueddeutsche.de" sagt:

"SZ: Sie beschreiben in Ihrem Buch zwei parallel stattfindende Prozesse: Die radikale Reduzierung unserer Persönlichkeiten im Netz, die allmählich auf unsere realen Ichs zurückschlägt. Und die Entwicklung einer Art Online-Diktatur der Masse.

Jaron Lanier: Beide Entwicklungen gehen Hand in Hand. Denken Sie an Wikipedia: Das Ideal dort sind Artikel, die frei sind von jeder ideologischen Tendenz. Das ist natürlich unmöglich. Was am Ende stehenbleibt, ist die Mob-Ideologie, die sie in sehr vielen Beiträgen finden. Weil so viele Leute zu Wikipedia verlinken, tauchen die Beiträge bei Google an den ersten Stellen auf. Alle, die sich nun mit einem Thema beschäftigen, sind versucht, die Wikipedia-Linie zu übernehmen. Der Durchschnitt setzt sich immer mehr durch, Qualität geht verloren."

Es lohnt, das vollständige Interview zu lesen. Neben anderen Passagen, die höchst spannen sind, greift Lanier auch hier nochmals den von ihm erfundenen Begriff vom "Digitalen Maoismus" auf, der uns Künstler in verschiedener Hinsicht veranlassen sollte, zu denken:

"Jaron Lanier: Unter Mao wurden alle, die die Pyramide ein Stück hochgeklettert waren, wieder hinabgestoßen und auf die Felder geschickt. Die heutige Online-Kultur tut im Prinzip genau dasselbe. Musiker sollen ihre Musik verschenken, sie können ja mit Konzerten und T-Shirts Geld verdienen. Journalisten sollen umsonst schreiben, dann werden sie vielleicht in eine Talkshow eingeladen oder können ihre Bücher verkaufen. Statt der avanciertesten geistigen Arbeit wird eine primitivere, physischere Leistung belohnt. Das kehrt die kulturelle Entwicklung der Menschheit um."

Wer Lust hat, kann korrespondierende Ansichten auch finden unter "AuGuS Theater Neu-Ulm – Vom Denken und vom Lachen" (Seite im Aufbau).

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