Vom kleinen, wenig begabten Rest


"In den entscheidenden Augenblicken der deutschen Geschichte der letzten fünfzig Jahre haben sich zwar immer wieder revolutionär gesinnte Gruppen von Schauspielern zusammengefunden, die aber bald, wenn sie wirklich begabt oder wirklich talentiert waren, vom breit dahinlebenden bürgerlichen Theater aufgesogen wurden, so dass eigentlich nur ein kleiner, wenig begabter Rest eines gewissen 'Künstlerproletariats' übrig war, dem jede größere Einflussnahme versagt blieb."

Diese seine Beobachtung wollte Gründgens 1946 nicht für sich behalten, also zu einem Zeitpunkt, da "in den letzten fünfzig Jahren" immerhin diese berühmten tausend Jahre besonders breit dahinlebenden bürgerlichen Theaters enthalten waren, in denen besonders viel revolutionäres Potential aufgesogen worden sein muss – wenn es nicht auf brutalere Art und Weise (mund)tot gemacht wurde.

Am Ende der von damals aus gesehen folgenden Periode von fünfzig Jahren, das wir gerade breit erleben, ist nicht so viel mit aufsaugen, da auch immer weniger breit dahingelebt wird. Auf der anderen Seite ist die Zahl der möglicherweise Aufzusaugenden, aber auch der potentiellen Künstlerproleten ungleich größer als zu Gustavs Zeiten.

Wie ich auf all das komme?

Weil ich gerade in einem theaterantiquarischen Buch gestöbert habe, in "Deutsches Theater seit 1945" von Hans Daiber, erschienen 1976. Da stolpere ich nicht nur über den Gründgens, sondern auch über verschiedene, jetzt immerhin 50 Jahre alte, damals revolutionäre Aktionen wie "Sklavenmarkt" und sowas. Von den action-Künstlern weiß ich, dass sie nicht aufgesogen wurden, obwohl es Versuche gab, Rudi Carell war daran beteiligt zum Beispiel (an den Aufsaug-Versuchen, aber mehr fürs breit dahinlebende bürgerliche Fernsehen denn fürs Theater).

Und von da assoziierte ich, dass ich gerade jüngst im letzten Monat erschienenen "Kulturspiegel" lesen durfte, wie der begabte und talentierte Rene Pollesch (was ja durch Preise belegt ist) angeblich seinen Monat plant und dass er beim Schildern dieser Pläne auch die begabte und talentierte Truppe "Gob Squad" erwähnt; und dann kommt mir , wie sehr die Truppe Begabter und Talentierter, die als "Rimini Protokoll" (gleich beim ersten "Faust" bepreist) firmiert, in vieler Feuilletisten-Munde ist; und klar: sofort bin Schlingensief, der zunächst nur ungeheuer talentiert und begabt war, dann aber überall ungeheuer aufgesogen wurde und wird, in Bayreuth, Bregenz (oder war es Zürich, irgendwo in CH jedenfalls) und Afrika.

Und der Schorsch Kamerun erst, der ja mal ne "Goldene Zitrone" (Stichwort: St. Pauli, Hafenstraße) war, dann aber irgendwie – ne das Wortspiel mit der "Goldenen Nase" lass ich weg, das trifft beim Schorsch nicht zu. Außerdem ist der nicht nur talentiert und begabt, sondern auch nett. Wenn mich die Erinnerung nicht trügt, ist er so nett, dass er sogar seinen "Zitronen"-Trommler zum Arzt geschickt hat mit dem knappen Satz: "Far in Urlaub" (das fehlende "h" ist kein Setzfehler, sondern ein Kalauer).

Kann jemand, der womöglich bis hierhin gelesen hat, mir womöglich ne kleine Hilfestellung geben, ob die Genannten nun schon aufgesogen sind oder zum Künstlerproletariat gehören. Ich hör jetzt auf zu proleten. Es ist spät. Da bleibt nur noch ein Rest von Zeit, das Exklusiv-Gespräch mit Oskar Lafontaine im neuesten "Stern" zu lesen. Vorher befrag ich noch den GlucoMen und genehmige mir den Rest "Grüner Veltliner", zum Daiber nochmal. Hoffentlich schlaf ich dann den Rest der Nacht und muss nicht zu viel grübeln, weshalb mir jede größere Einflussnahme versagt bleibt auf all die unhaltbaren und unerträglichen Missstände, zu denen ich in den letzten Tage was gebloggt und getwittert habe.

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