Bewusst ignoriert


Später sind viele schlauer. Früher schlauer sein – das ist es! Habt Ihr die Hysterie um die Schweinegrippe mitgemacht? Schon ganz am Anfang wussten Twitterer, dass da wahnsinnig übertrieben wurde, haben statistisches Material veröffentlicht, welches aber kaum jemand ernst genommen hat, weil damals (für heutige Verhältnisse liegt der Ausbruch der Schweinegrippe schon Lichtjahre zurück) Twitter noch nicht sooo ernst genommen wurde. Heute schreibt der Hausarzt bei Schweinegrippe nur eine halbe Woche krank, und „Der Spiegel“ publiziert die „Chronik einer Hysterie“.

Hysterie gibt es ja schon länger. Allein das Wort deutet darauf hin (stammt ja schließlich aus dem Altgriechischen.) Problem ist nur: Wie merkt man frühzeitig, wann so eine neurotische Störung vorliegt. Ich hab noch nie verstanden, weshalb 50.000 Menschen im Münchener Olympiastadion zum Beispiel bei den „Stones“ oder bei „Genesis“ glauben, ein „Konzert“ zu erleben. Das ist schon physikalisch nicht möglich. Ich diagnostiziere auch Hysterie bei denen, die glauben, man müsse „Avatar“ gesehen haben. Ich hab mir den „Herr der Ringe“ nicht angesehen und hab auch „Star wars“ bewusst ignoriert wie früher wschon „Der weiße Hai“.

Von den „top 250 all time“ hab ich nicht mal ein halbes Dutzend gesehen. Titel kenne ich ne Menge, bloß gesehen, gesehen hab ich die Dinger nicht. Und dabei war um mich rum im Umfeld eines ominösen Filmstarts so manche Hysterie zu erleben. Als ich jetzt diese Liste der besten 250 aller Zeiten (die ich allerdings mit keiner anderen Liste der Besten aller Zeiten verglichen habe) genauer unter die Lupe nahm, fiel mir ein Streifen auf, den ich als Teen vor einem halben Jahrhundert gesehen hatte: die Nummer 136, The General aus dem Jahre 1926. Bis heute ist der Protagonist dieses Stummfilms, Buster Keaton, eine Autorität. Sein dead pan – da könnt ich hysterisch werden.

Ich könnte aber jetzt keine Liste der besten Filme aller Zeiten aus meiner Sicht erstellen. Wahrscheinlich hab ich überhaupt nur 75 gesehen – oder so. „Big Time“ von Tom Waits war dabei. Das ist einer meiner Favoriten, noch heute (da erzähl ich vielleicht später mal von, von „Big Time“), auch „Und täglich grüßt das Murmeltier“ ist bei mir ganz hoch gerankt. Und „Kiss kiss, bang bang“ (ein Sonderfall von Film, o je, kann man daraus fürs Theatermachen lernen, obwohl man auf der Bühne nicht einen Bruchteil soviel Theaterblut verspritzen kann). Ach ja, Fellinis „La strada“ ist auch auf der Liste der Top 250, es ist die Nummer 221. Dabei war die Giulietta Masina („Gelsomina“) lange meine Nummer 1, zu einer Zeit, als die ersten italienischen Gastarbeiter in den Baracken hinten versteckt in den Gärten hausten, zu einer Zeit also, als viele in hysterischen Anwandlungen mit Goggos und Lloyds unbedingt über die Alpen mussten, nach bella Italia, wo alles am Strand von Rimini und anderswo möglichst rasch krebsrot verbrannt sein wollte, aus lauter Hysterie, bei der Rückkehr nicht ausreichend Urlaubsbräune vorweisen zu können. Ich hatte weder Goggo noch Lloyd, geschweige denn einen Janus oder gar eine Isabella, ja, ich hatte nicht mal den Führerschein.

Jetzt mach ich Schluss, ach ja, nur noch eben die Frage: Wo muss man denn zur Zeit gerade drin gewesen sein?

Posted via email from augustheater’s posterous

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