Wuppertal am Welttheatertag Schauplatz eines entfesselten Theaterbekenntnisses


"Freiwillige Aufgabe" wird gern missverstanden

Am 27. März ist Welttheatertag. Da wird die bislang größte gemeinsame Aktion der deutschsprachigen Theater über die Bühne gehen, in Wuppertal, wo man die „Wuppertaler Bühnen“ über die Wupper gehen lassen will. Deshalb veranstaltet die Intendantengruppe im Deutschen Bühnenverein diese Großveranstaltung als Solidaritätsaktion, die auch von den Theaterfreunden der Wuppertaler Bühnen und des Sinfonieorchesters Wuppertal gefördert wird. An sechs Spielstätten in Wuppertal wird von mehr als 50 Theatern gespielt! Wuppertal soll Schauplatz eines entfesselten Theaterbekenntnisses sein.

Wer fährt schon nach Wuppertal, um sich eine Hose zu kaufen? Natürlich niemand. Aber Familien aus der Region kennen den Wuppertaler Zoo und Technikfreaks im weiteren Umkreis die Schwebebahn, das Wahrzeichen Wuppertals, ein ziemlich einmaliges Verkehrsmittel. Für weitaus mehr Menschen in aller Welt aber ist mit Wuppertal untrennbar verknüpft mit „Tanztheater“ und dem Namen Pina Bausch. Und in dieser Stadt sollen also jetzt für die Theaterleute die Lichter ausgehen.

In einer Stadt, die Geburtsort einer ganzen Reihe bekannter Persönlichkeiten (darunter auch viel Künstler) ist; unter anderem stammen aus Wuppertal, beziehungsweise aus den Vorgängerstädten Barmen und Elberfeld: Friedrich Engels, der gemeinsam mit Karl Marx den Marxismus entwickelte, Friedrich Carl Duisberg, als Chemiker und Industrieller Ende des 19. Jahrhunderts maßgeblich an der Entwicklung der chemischen Industrie in Deutschland beteiligt, ebenso wie Friedrich Bayer, Gründer der Farbenfabrik Friedrich Bayer, heutige Bayer AG, die Lyrikerin Else Lasker-Schüler, Ferdinand Sauerbruch, der bedeutendste Chirurg seiner Zeit, der Philosoph Rudolf Carnap, ein bedeutender Vertreter des logischen Empirismus; weiter: Horst Tappert, die Schauspielerin Ann-Kathrin Kramer, der Schauspieler und Comedian Christoph Maria Herbst sowie auch Tom Tykwer; und der in Barmen geborene Johannes Rau war zwei Jahre Oberbürgermeister von Wuppertal, später langjähriger Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen und achter deutscher Bundespräsident. Und noch ein bekannter Name: Alice Schwarzer wurde in Wuppertal geboren.

Mit diesen Namen verbindet sich einiges. Eine solche Stadt sollte eine Kulturstadt sein. Immerhin steht Wuppertal mit rund 355.000 Einwohnern von der Größe her an 17. Stelle in der Liste der deutschen Städte. Wie auch immer – die Intendantengruppe im Deutschen Bühnenverein will jedenfalls ein Zeichen setzen, lädt nach Wuppertal ein zur Feier des Welttheatertages 2010. Dabei protestieren über sechzig Theater und zahlreiche Persönlichkeiten aus Kunst, Politik und Wirtschaft gegen die finanzielle Auszehrung der Kommunen und der damit verbundenen Unterhöhlung des Selbstbestimmungsrechtes.

In einem Statement der Intendantengruppe heißt es: „Die Steuerpolitik von Bund und Ländern stellt nicht nur einen Verstoß des Konnexitätsprinzips dar, welches die Gesetzgeber auf den Ausgleich für die finanziellen Folgen ihrer Gesetze verpflichtet, sie unterwandert auch die Basis unserer Demokratie. Denn vor allem in den Kommunen wird Demokratie wirklich erfahrbar. Die ständig
sinkende Beteiligung an Wahlen hat in dem Zustand unserer Kommunen eine Ursache.

Wir befürchten, dass die in Wuppertal beabsichtigte Schließung des Schauspielhauses, das 1966 von Heinrich Böll eröffnet wurde und Schauplatz einiger der größten Tanztheater-Visionen von Pina Bausch war, sich zu einem Signal mit verheerenden Folgen in der viel bestaunten deutschen Theaterlandschaft ausweitet. Längst nämlich sind auch eine Reihe anderer Theater ähnlich bedroht.

Die Begründung, Kultur sei eine ‚freiwillige Aufgabe‘ der Kommunen, ist angesichts der Geschichte Deutschlands ein zynisches Argument. Die Bundesrepublik ist der Nachfolgestaat der Nazi-Diktatur, in der Kultur und Sport gleichgeschaltet waren. Deshalb wurden sie in der Bundesrepublik als ‚freiwillige Aufgabe‘ definiert. Die Kommunen sollten selbst entscheiden, wie sie Kultur und Sport fördern wollten. Die Bezeichnung ‚freiwillige Aufgabe‘ beschreibt also ein Privileg, keine Beschränkung.“

Holk Freytag, der Vorsitzender der Intendantengruppe im Deutschen Bühnenverein, schließt das Statement ab und stellt fest: „Die Bundesrepublik Deutschland gibt jährlich ca. zwei Milliarden Euro für die Theater und Orchester aus – das sind ziemlich genau 0,2 Prozent aller öffentlichen Haushalte. Wehren Sie sich gegen jeden Versuch, durch Kürzungen dieser Mittel unsere Jugend von der Fortschreibung unserer Kultur abzuschneiden und unsere Kommunen weiter auszuzehren.“

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