Schamlos unverschämt


Auf der Feuilleton-Seite der Südwest Presse (vom Freitag, 30. April) gibt es einen „Zwischenruf“ des Redakteurs Magdi Aboul-Kheir (auch Buchautor, Blogger), den ich Euch nicht vorenthalten möchte. Ich hab zwar zum Original-Zwischenruf verlinkt, aber ich poste dennoch den kompletten „Zwischenruf“ auch hier, nicht nur weil viele nicht gern hin und her „zappen“, nein, es gibt noch einen eigensüchtigen Grund: Ihr könnt zwar unterm Original-Artikel kommentieren, aber ich wäre beglückt, wenn sich auch hier auf dem blog eine „Diskussion unter Fachleuten“ entspinnen könnte oder würde oder sollte …

Als der Schauspieler Daniel Day-Lewis sich vor gut 20 Jahren für den Film „Mein linker Fuß“ in den schwerstbehinderten Christy Brown verwandelte, wurde er zu einem stummen, kriechenden, sabbernden Wesen – selbst wenn die Kameras nicht liefen. Als er später in „Gangs of New York“ den ruchlosen Messerstecher Bill the Butcher verkörperte, fuchtelte er auch in den Drehpausen mit der scharfen Riesenklinge durch die Gegend. Daniel Day-Lewis hat den Ruf, sich wochen-, ja monatelang kompromisslos in seine Filmcharaktere zu verwandeln und nicht mehr aus den Rollen herauszutreten – oft zum Schrecken seiner Kollegen.

Es ist nicht bekannt, ob Otar Iosseliani, der Altmeister des georgischen Films („Günstlinge des Mondes“), Daniel Day-Lewis kennt. Der 78-jährige Regisseur lederte kürzlich übel über die Schauspielerei ab: Die sei kein überhaupt kein Beruf, sondern bedeute – wir denken an Day-Lewis Method Acting – den „völligen Verlust der eigenen Persönlichkeit“. Berühmte Schauspieler „wie Gérard Depardieu oder Catherine Deneuve wissen schon gar nicht mehr, wer sie sind“. Die Hauptsache dieses Berufes sei „öffentlich zur Schau gestellte Schamlosigkeit“. Da fällt einem Alfred Hitchcocks Tirade aus der Frühzeit des Films ein, wonach alle Schauspieler Vieh seien.

Man müsste mal in Erfahrung bringen, was etwa die französische Leinwand-Legende Michel Piccoli über diese Einlassungen denkt, denn er stand für Iosselani vor der Kamera. Und man fragt sich, welche Erfahrungen Iosselani zu seinem herben Urteil, Schauspieler hätten überhaupt keine eigene Persönlichkeit, haben kommen lassen.

Nun, vielleicht kann man das Rätsel lösen, wenn man in Erfahrung bringt, wer am häufigsten in den Filmen dieses Regisseurs mitgespielt hat. Es ist nämlich Iosselani selbst – der offenbar gar nicht mehr weiß, wer er ist.

Posted via email from augustheater’s posterous

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