Subjektives zur grassierenden Festivalitis


Theatermenschen: Ich habe einen Sensationsfund gemacht: Einer aus der Riege derer, die totzuschlagen Goethe einstmals aufgefordert hatte, ein Rezensent, gibt zu, er habe im Theater gelacht. Und wie gelacht!

Anekdotisch ist zu berichten: Als bei Stücke 85 „Das alte Land“ (Klaus Pohl) Stück des Jahres wurde, war auch im Wettbewerb: „Zwölfeläuten“ (Heinz R. Unger). In beiden Stücken ging es um das Ende des Krieges und das Ende, das Erbe der Nazis. „Zwöfeläuten“ wurde gezeigt vom Wiener Volkstheater, als Volksstück im besten Sinn des Wortes. Ich habe ziemlich viel lachen müssen – wegen des Stückes, wegen der Inszenierung (Dietmar Pflegerl), wegen der Darsteller. Das Publikum musste auch sehr viel lachen – und vergab seinen Preis an diesen hinterfotzigen Schwank (der übrigens 2001 mit der Creme der österreichischen SchauspielerInnen verfilmt worden ist). Nicht ein einziges Mal lachen musste der Juror und Theaterheute-Matador Henning Rietschbieter (er saß in der Loge links oben, schräg vor mir in der Mülheimer Stadthalle). Ich wusste sofort: „Zwölfeläuten“ kann niemals den Preis gewinnen. „Das alte Land“ war ja auch an der Burg uraufgeführt und von Köln unter Flimm an die Ruhr gebracht worden. Ich hab mal nachgesucht: „Zwölfeläuten“ steht heute nicht mal mehr im Archiv der Mülheimer Stücke.

Diese beiden Geschichtchen zum Thema „Lachen im Theater“ drängten sich mir just auf, weil: Es herrscht ja grade wieder jede Menge Theater-Remmidemmi allenthalben: 47. Berliner Theatertreffen (7. bis 24. Mai), das wichtig-wichtigste deutsche Theaterfamilientreffen (eingeladen: „die zehn jahresbesten Inszenierungen“). Dann laufen die 35. Mülheimer Theatertage (bis 3. Juni), bei denen die Stücke eines Jahres im Wettbewerb um den Mülheimer Dramatikerpreis stehen. Und Wien bietet seine Festwochen, die bis zum 20. Juni laufen.

Circus maximus. Ziemlich viel Olympisches. Weniger im Sinne von „Dabei sein ist alles“, mehr die Attitüde „höher, schneller, weiter“.

Unsereiner steht dann da, Mund und Nase offen, staunt, wie das Getriebe so funktioniert, fragt sich: Muss ich beeindruckt sein? Was lerne ich? Was nehm ich mit? Was inspiriert mich? Was fang ich damit an? Was erschüttert mich? Was bringt mich von meinem Pfade ab? Was tue ich in Zukunft? Was setze ich auf den Spielplan?

Ich hätte noch ein paar Fragen. Ein wenig irritiert den fragenden Theaterarbeiter in der Provinz, wenn er dann das Getöse mitbekommt, welches im Anschluss an den gerade zu Ende gegangenen Heidelberger Stückemarkt losgegangen ist. Da war eine Jury zugange, die von allen beteiligten Autoren Zunder bekommt, weil sie nicht urteilen wollte. Oder konnte? Dabei ausgerechnet der Preisträger des letzten Jahres, Nis-Momme Stockmann, der mit seinem „Kein Schiff wird kommen“ aufs Karussell geraten ist (Mülheim / Berlin); und adabei Christine Dössel, Rezensentin der Süddeutschen Zeitung, Bloggerin (süddeutsche.de „geht’s noch …?!“), aber auch schon Jurorin gewesen in Mülheimer und eben jetzt beim Stückemarkt in Heidelberg.

Die Autorinnen und Autoren, die ihre Haut zu Markte getragen hatten, beklagen sich nun unisono und in Offenem Briefe, weil die Jury ihren Marktwert nicht einordnen wollte in besser, schlechter, Gewinner …

Die Diskussion hält an. Es ist einiges im Fluss. So überlegt das Goethe-Institut „Frei oder nicht frei“ und will festgestellt haben „Die Grenzen von Staatstheater und Freier Szene lösen sich auf“. Und der schon mal auffälliger gewordene, aber immer noch agile Groß-Augur Christoph Müller konstatiert unter der Titelzeile „Nur noch die Gegenwart gilt“ zu Berlin: „Das … verjüngt und globalisiert sich zusehends. Das war aber auch nötig, denn die landeseignen Regietheater-Gurus der Vierzigjährigen, die mittlerweile den dekonstruktivistischen Stil der deutschsprachigen Staats- und Stadttheater bis zur Erschöpfung beherrschen, sind austauschbar überall zugange. Was sie machen und wie sies machen, ist überraschungs- und geheimnislos geworden.“ Das Treffen, „randvoll auch mit Stückemärkten und Preisvergaben“, konzentriere sich „ausschließlich auf unverbrauchte neue Impulse, die größtenteils aus der so genannten freien Szene kommen oder sonstwie mit aparten Produktions-Partnerschaften gegen den Mainstream schwimmen.“ Da dann lese ich nochmals „Nur noch die Gegenwart gilt“ – und fahre sozusagen morgen (in einer Woche) nach Wien um die Zukunft meistern zu können. Ein wenig große Theaterwelt muss sein, warum und wozu auch immer.

Posted via email from augustheater’s posterous

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