Alles Heuchler ?!?


Erstaunlich, wie oft man lesen darf: Die Kom??die, das Leichte, ist das Schwerste. Wenn ich mich umgucke, was so auf die Festivals eingeladen wird – das Schwerste ist nie dabei, immer nur das Schwere.

Wenn Du Jahrzehnte Theater machst und dabei zur H??lfte das Schwerste auf den Spielplan setzt und trotzdem ??berlebst – dann, weil das Publikum honoriert, dass Du das Schwerste doch wohl sehr gut beherrschst.

Ist das Diktum „Das Leichte ist das Schwerste“ nur geheuchelt. L??stern die, welche das Schwerste offenbar meiden wie die Pest, die in den Theatern und die in den Feuilletons und in den Intellektuellenzirkeln, l??stern die nur deshalb dr??ber, weil sie wissen, dass sie es nicht k??nnen?

Besonders auf Relevanz erpichte Angestellte eines Stadttheaters wollten nicht nur „nie mehr sowas spielen“ wie „Das Sparschwein“ oder „Die Hose“, sondern vergeigten auch grandios „Mein Freund Harvey“ und „Die Kunst der Kom??die“.

Als Dario Fo gerade den Nobelpreis zugesprochen bekommen hatte und wir drei Wochen sp??ter das von seiner Frau Franca Rame zusammen mit ihm geschriebene St??ck „Sex – aber mit Vergn??gen!“ zur westdeutschen Erstauff??hrung brachten, schrieb ein Schauspielerkollege ins G??stebuch: „Das hat man in den 60er Jahren in den Illustrierten schon besser gelesen.“ Was das Publikum nicht daran hinderte, bei uns Stehpl??tze zu zahlen oder auch?? zum zweiten Mal in die Vorstellung zu kommen, diesmal zusammen mit ihrem pubertierenden Nachwuchs, weil das St??ck, welches ja im pr??den Italien f??r Jugendliche unter 18 verboten war, anscheinend doch einiges an Aufkl??rendem zu bieten hatte. Allerdings humorvoll verpackt – das ist ja bei Fraca Rame und Dario Fo selbstverst??ndlich. (Wegen dieses selbstverst??ndlichen Humors hatten ja einige gegiftet, Fo, der einzige Literaturnobelpreistr??ger ??brigens aus dem Theaterbereich, sei des Preises nicht w??rdig.)

Derzeit l??uft bei uns „Fr??hst??ck bei Kellermanns“. Da wird auch sehr viel gelacht im Parkett. Das St??ck ist knapp 30 Jahre alt – heuzutage eine sehr lange Zeit, weil Vieles sich rasant ge??ndert hat, auch technisch („Telekommunikation“), aber nicht nur. Mit einigen Kniffen kann man das St??ck dennoch absolut in die Gegenwart holen; zum Beispiel liest der „Rudi Kellermann“ im Laufe des Abends bei zweien der vier „Fr??hst??cke“, n??mlich zu Beginn des St??ckes und nach der Pause,?? seiner „Lotte Kellermann“ nat??rlich aus der „Sonntagszeitung“ vor und erkl??rt ihr – wie bei „richtigen Kerlen“ ??blich – die Welt. Das Extemporieren aus der Zeitung des Spieltages z??ndet immer bestens – das Publikum lacht mordsm????ig oder ist stickum, je nachdem, was in dieser stand-up-Einlage abgefr??hst??ckt wird.

Wir sind sehr froh, dass uns das, was immer und ??berall als „das Schwerste“ bezeichnet wird:?? das Humorvolle, dass uns das nach wie vor bestens gelingt. Auch „Fr??hst??ck bei Kellermanns“ trifft anscheinend den Nerv eines gro??en Teils des Publikums (hier Stimmen) – ist doch das Thema: „Empty nest – und nun?“

Passend dazu finden wir in einem AZ-Artikel von Stephanie Schuster?? ein paar den (auch uns ??berraschenden) St??ckerfolg erkl??rende Hinweise, die sich aus dem Gespr??ch mit Markus Wonka, dem Leiter einer Psychologischen Beratungsstelle f??r Ehe-, Familien- und Lebensfragen, herauslesen lassen:

„Die zweite gro??e Gruppe, die zunehmend bei Markus Wonka und seinen zehn Mitarbeitern auf Honorarbasis Hilfe sucht, bilden ??ltere Paare um die 50: geordnetes Leben, materiell abgesichert, die Kinder sind aus dem Haus. Auf einmal fallen die gemeinsamen Aktivit??ten mit der Familie weg – doch die Zweisamkeit ist man gar nicht mehr gewohnt. ‚Aber heute haben solche Paare theoretisch noch 40 gemeinsame Jahre vor sich‘, sagt Wonka. Ein guter Grund, etwas zu unternehmen und an der Beziehung zu arbeiten.“

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