Wi(e)der die Intellektuellen


Da verstieg sich die Berliner Volksbühne dazu, einen Kongress „Idee des Kommunismus“ zu veranstalten. Die „Süddeutsche“ befand hinterher kurz und vernichtend. „Nein, von einer Idee war wenig zu spüren, eher Lethargie, die sich selbst zur Tat erklärte.“

Ach ja – ach je – der Kommunismus. Oder der Sozialismus? Die meisten kennen ja nicht mal den Unterschied, verwenden die Begriffe synonym. Und dann der Materialismus, der historische und / oder dialektische M. Der faszinierte so manche(n) um 68 herum, nicht so sehr die, welche schon von Demokrit, Epikur und Lucretius gehört oder die sogar gelesen hatte (Marx hatte übrigens …!), aber die anderen

Bei einer Thüringen-Tournee im Herbst 1990 wurde ich nach der Vorstellung in Jena beim anschließenden Treff mit Uni-Angehörigen in einem Privathaus wüst beschimpft, weil ich so lapidar behauptete: „Religionen, Weltanschauungen, Ideologien – das sind doch lediglich Krücken, die uns helfen, unseren angstvollen Gang durch unser bisschen Leben zu bewältigen.“ Eine junge Germanistin knallte wütend die Tür: „Diese unzulässige Gleichsetzung muss ich mir nicht bieten lassen.“

Ich war immer der Ansicht: Im Gegensatz zu den menschlichen Urzeiten, als die Priester auch Künstler oder die Künstler auch Priester waren, sind sie schon länger höchst unterschiedlich zugange: Der Künstler, wenn er gerade Kunst macht, fragt (die existentiellen Fragen immer wieder neu), der Priester fragt nicht, er gibt Antworten.

Wollten die Volksbühnler zu den Urzeiten zurück und wieder Künstler und Priester in Personalunion sein? Im Prinzip hätten sie mal – um es ganz einfach zu machen – mal ins „Kleines philosophisches Wörterbuch“ der DDR gucken sollen. Oder ins „Kleines politisches Wörterbuch“. Dort sorgfältig den einen oder anderen Begriff (zum Beispiel „Mensch“) nachlesen und dann denken – das wäre vielleicht erhellend.

Aber: Wi(e)der die Intellektuellen. Wie in einem früheren blog-Beitrag vermutet, hat es denen, die diese abstruse Idee vom Kongress „Idee des Kommunismus“ hatten, gereicht, intellektuell zu wirken, anstatt sich intelligent zu verhalten.

In dem Zusammenhang gefällt mir, was Frie Leysen, die Kuratorin der diesjährigen Ausgabe von Theater der Welt unlängst im Interview sagte: „Politisches Theater heute funktioniert nicht mehr über Ideologien, sondern über die gesellschaftliche Analyse.“

Und zum Schluss möchte ich noch hinweisen auf den ZEIT-Artikel von Karen Armstrong „Zu wem beten die denn da?“, den man hier nachlesen kann. Es lohnt tatsächlich der ganze Artikel. Aber diese Passage passt zu diesem blog-Eintrag besonders gut:

„Tatsächlich sind die neuen Atheisten in ihrer Religionskritik nicht radikal genug. Jüdische, christliche und muslimische Theologen haben jahrhundertelang darauf bestanden, dass Gott nicht existiert und dass da draußen das »Nichts« ist; mit dieser Aussage wollten sie nicht die Wirklichkeit Gottes leugnen, sondern Gottes Transzendenz bewahren. Was heute hart zu kritisieren wäre: dass wir jenen wichtigen Traditionsstrang der Religion aus den Augen verloren haben, der viele unserer gegenwärtigen Probleme lösen könnte. Der moderne Gott ist nur eine der Theologien, die sich im Laufe der dreitausendjährigen Geschichte des Monotheismus entwickelten. Wir müssen dringend die Rechthaberei überwinden, die zurzeit in religiösen Debatten herrscht.

Obwohl so viele Menschen heute den Glauben ablehnen, erlebt die Welt ein Revival des Religiösen. Entgegen den zuversichtlichen Voraussagen der Säkularisten wird es in nächster Zeit nicht verschwinden. Doch wenn wir dem gewalttätigen und intoleranten Druck nachgeben, wird die neue Religiosität heillos sein. Um das zu verhindern, müssen wir uns auf eine Tradition besinnen, die die Grenzen des Wissens anerkannte, müssen religiöse Gewissheiten verlernen und einsehen, dass es niemals leicht ist, über Gott zu reden.“

Posted via email from augustheater’s posterous

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