Das 16. selbst verfasste Stück uraufgeführt


Das AuGuSTheater Neu-Ulm hat am vergangen Freitag (23. Juli 2010) die Farce "Liebe geht durch den Magen" uraufgeführt. Geplant als Freilicht-Programm, zwang das Wetter Zuschauer und Akteure bei der Premiere des 16. (!) von Claudia Riese und Heinz Koch selbst geschriebenen Programms zum Ausweichen ins Restaurant „Konzertsaal“, was der freudigen Premierenstimmung keinesfalls Abbruch tat. Am Ende gab es langen Beifall und hartnäckige Zugabe-Rufe, denen das Ensemble nachgab.


Es war so etwas wie ein Gastspiel unmittelbar vor der eigenen Theater-Tür. Der ohnehin schon sehr ansprechende Gastraum mit Blumen und Kerzen geschmückt, die Tische festlich gedeckt – da war, da doch das Auge bekanntlich mitisst, der Rahmen für ein Gelingen mehr als gegeben.

Was dann über die Bühne ging, bereitete dem Publikum offenbar großes Vergnügen – wie am vielen Zwischenbeifall und den immer wieder durchs Lokal brandenden Lachsalven abzulesen war. Zwar dreht sich bei "Liebe geht durch den Magen" wieder einmal vieles um die Beziehung von Mann und Frau.

Klar: Ist doch nichts von den ewigen Dingen in der Geschichte der Menschheit so oft neugezimmert, geflickt, restauriert und möbliert worden wie die Beziehungskiste. Das war und ist doch ein ewiges Hin und Her, eine ewige Berg- und Talfahrt. Noch heute gibt es (zu) viele ungeklärte Fragen zwischen den Bewohnern von Mars (Männer) und Venus (Frauen).

Aber es geht den Theaterleuten nicht nur um das in unserer Gesellschaft offenbar relevanteste Thema „Beziehungskiste“, vielmehr „zerfällt der Abend in die drei Teile A, B und X“, wie „Waldi“ (Heinz Koch) als Moderator einer neuartigen Koch-Show („Wir kochen nicht, wir reden nur drüber“) das Publikum anfangs instruiert. „Teil A behandelt den MAgen, Teil B die LieBe und Teil X ein MiX aus beidem.“ Und da wird auch die Liebe zum Geld behandelt, das Faible der Frauen fürs Lesen (insbesondere der Klatschpresse) und zum Beispiel die Frage: Was passiert, wenn die Liebe durch den Magen geht? Wird sie dann heiße Luft?

Die Liebe zum Theater wird gleich zu Anfang benannt, im ersten von sechs Liedern, für die als Sängerin die junge Musicaldarstellerin Manuela Maric (Stuttgart) engagiert wurde. „Alles ist doch Theater, Theater ist die Wirklichkeit, das Tor zur Phantasie.“ Im Weiteren wird gefragt, wo die Liebe zu Hause ist (Paris), was wir ersatzweise tun, wenn die Liebe zu Hause bleibt und nicht in die Provinz kommt; und es wird gezeigt, wer sowohl bei großem als auch bei kleinem Liebeshunger hilft aber auch bei Liebeskummer tröstet: Mars-Menschen, Ferrero und Haribo.

In Spielszenen erlebt das Publikum, wie ein Hagestolz (Heinz Koch), der eine sachliche, emotionslose Beziehung zu einem Top-Modell käuflich erwerben möchte („Ich brauche sie nicht, aber ich will sie!“), ziemlich rasch scheitert, weil „Frosty Evelyn“ (Manuela Maric) binnen kürzester Zeit Seiten entwickelt, die nicht mit ihm kompatibel sind. Der Roboter, der ihn versorgen soll, will binnen zwei Tagen das Leben des Mannes umkrempeln, so dass er schnell feststellt: „Dieser Kühlschrank ist weiblich.“ Und „sie“ nach diesem Dejavus umgehend entsorgt.

In einer anderen Szene muss der Mann (Heinz Koch) bei einer gemeinsamen Zugfahrt feststellen, das seine frostige und ungalante Art bewirkt, dass die „Sensoren“ seiner Frau (in unnachahmlicher Weise Claudia Riese in der Rolle ihres alter ego, der schwäbischen Schwert-Gosch Luise Häberle) Null-Funktionieren signalisieren – ähnlich wie die Temperaturfühler der neuen Heizung im „trauten“ Heim bei genügend Außenwärme das Abschalten auslösen oder ähnlich wie die Sensoren im Zug die Klimaanlage außer Betrieb setzen.

„Liebe geht durch den Magen“ ist sage und schreibe das 16. Programm der beiden Neu-Ulm Theatermacher, welches sie selbst geschrieben, uraufgeführt und in einer Serie auf die Bretter gebracht haben. Etwa noch einmal so viele Produktionen stammen aus ihrer Feder, die zu einem bestimmten Anlass entwickelt und nur einen Abend gezeigt wurden („Blauer Montag“, „Der 9. November“, „Ohne Netz … „Rotkäppchen“). Vor allem in den eigenen en suite-Produktionen, aber auch in vielen Stücken aus fremder Feder ging und geht es immer wieder um Männer und Frauen.

Heinz Koch dazu: "Einerseits müssen wir einfach feststellen: Das ist das Thema, welches in unserer Gesellschaft alle Menschen, unabhängig von Alter und Herkunft berührt und interessiert. Nicht umsonst wird ein Abend zu dem Thema zum phänomenalen Kassenschlager in der Region. Nicht umsonst macht inzwischen fast jede und jeder dazu Programme, werden unzählige Stücke auf den Markt geworfen. Und eigentlich geht es bei Shakespeare und Goethe letztlich auch um nichts anderes."

Und Claudia Riese ergänzt: „Wir bilden uns ein, das jeweils andere Geschlecht mittlerweile so gut zu kennen, dass wir dazu einiges – ich sage mal: an kabarettistisch-lästerlichen Bemerkungen – vom Stapel lassen können". Wie beide sagen, tun sie es Vicco von Bülow gleich: „Nicht losgehen, um zu gucken, was passiert. Es passiert nichts. Nichts Komisches, vor allem nicht grad dann, wenn man guckt. Man muss immer gucken, beobachten, speichern. Und dann, zur rechten Zeit eine Schublade aufziehen. Und dam muss man konstruieren. Jede Art von Komik, die man wiedergeben will, ist eine Konstruktion und geht über den Intellekt.“

Abweichend vom beim Inszenieren zur Pedanterie neigenden von Bülow (alias „Loriot“) ändern Riese und Koch ihre eigenen Programme, notfalls von jetzt auf gleich, gezielt oder improvisierend. „Wer alle acht Vorstellungen sieht, sieht immer was Neues. Da fühlen wir uns verwandt mit Dario Fo und Franca Rame und machen Theater, wie es Tabori verstanden hat: Das Bessere ist der Feind des Guten, jeder Abend ist nur ein Durchgangsstadium, zeigt, wie weit wir bis hierher gekommen sind. Jetzt muss es weitergehen.“

Mit „Liebe geht durch den Magen“ gastiert das Theater bis zum 14. August noch im im "Adler" Holzheim (28. Juli), wieder im "Konzertsaal" (30. Juli), in den "Bürgerstuben Reutti" (4. August), im Wirtsgarten der "Gaststätte am Riedelsee" (Elchingen, 5. August) und im Innenhof des Edwin-Scharff-Museums (13. und 14. August). Übrigens: Das Publikum muss nicht hungern, es kann essen und trinken – deswegen die Gastspiele an Orten mit Gastronomie.

Posted via email from augustheater's posterous

3 Gedanken zu “Das 16. selbst verfasste Stück uraufgeführt

  1. Edda

    wow! ihr seid echte tausendsassa. kompliment! ihr spielt, inszeniert, schreibt… wahrscheinlich würde es weniger lang dauern aufzuzählen, was ihr alles nicht tut. 😉

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