„Eh ich’s vergesse …“ – Memoiren eines Nobody (Fragment 01)


Nun habe ich mich, zumindest für eine lange Zeit nach Psychatrien zurückgezogen, in das Land der Ent-rückten und Ver-Rückten. Hier werden Drogen (Glückspillen) staatlich kontrolliert vergeben, und die Bewohner leben in harmonischem Wahnsinn sehr solidarisch zusammen. Teilen Kaffee und Zigaretten. Von so einer Solidarität können die Sozialdemokraten, Sozialisten und Kommunisten nur träumen. Und von der Menschlichkeit auch. Irren ist menschlich, und Irre sind menschlich.

Ein halbes Jahr später

Mit viel Phantasie ist es mir gelungen, in dem ersten halben Jahr das Leben im Irrenhaus schwärmerisch zu verkleiden und mich wie im Reservat oder auf einer Insel zu fühlen. Die Wahrheit ist, dass die Psychiatrie ein Aufbewahrungsort von gebrochenen Menschen ist, die nicht die nötige Liebe im Leben gefunden haben und heimatlos geblieben sind. Wir sind – mindestens für die anderen – Zombies, Untote. Wir sind ruhelos, selbst die Gefesselten, im Inneren wie im Äußeren. In Psychatrien bleibt uns sogar im Traum verwehrt, wovon sogar Aliens wie E.T. träumen können, der Ort der Zuflucht, das Zuhause. Es ist, als müssten wir die paradoxe Alternative gegeneinander abwägen: zu sterben oder nie mehr heimzukommen. Dabei ist unser Aufenthalt in Psychatrien die Folge unserer Heimatlosigkeit. Menschen sollten niemals heimatlos sein müssen, sonst werden sie verrückt.

Neun Monate später

Ich weiß nicht, wie lange ich den geballten Wahnsinn um mich herum noch aushalte. Es ist, glaube ich, auch ansteckend. Ich weiß, ich gehöre nicht hier her. Aber nachdem ich nun mal drin bin, mich hab einweisen lassen, rechtfertige ich mit jedwedem Verhalten meinen Aufenthalt. Niemand, der mich beobachtet und meinen Habitus und meine Aktionen mit den fiktiven Befunden vergleicht, die dem Hause von unserem Experimente-Team zugespielt wurden, kann auch nur ansatzweise daran zweifeln, dass man mich korrekterweise hierher verfrachtet hat. Und ich? Ich fange an, mich zu arrangieren, an meine Krankheit zu glauben. Für die Weißkittel gibt es ja ausschließlich Kranke, keine wirklich Normalen. Und die, welche sich selbst für normal halten, ist dieses hier sicher befremdlich und beängstigend. So wie für die Hiesigen die Welt da draußen befremdlich und beängstigend ist. Hier drin, und das schockt mich, scheint es ungefährlicher zu sein als dort. Die Menschen hier sind nur offener, gierig nach Liebe und sie zeigen es ungeschminkter.

15 Monate später

Es ist sehr schwer, sich schnell und sicher zu töten, und im Irrenhaus schier gar unmöglich, obwohl sich die Hälfte der Belegschaft mit dem Gedanken trägt. Es gibt einen Zwang zum Leben, auch, wenn es nur noch Qual und Siechtum ist. Das Medizinsystem ist, was unheilbare Fälle anbelangt, mehr als verlogen. Es darf sie nicht geben, obwohl es offensichtlich ist, dass sie da sind. Schon draußen hatte ich immer den Eindruck, dass der Arme nicht sterben darf, solange sein Körper noch für irgendeine Form des Profits nützlich sein könnte, als Arbeitsmaschine, als Zwangsprostituierte, als Ersatzteillager, als Apparate-Rechtfertiger, als Konsument im Allgemeinen und was weiß ich noch alles. Ein Paradox sondergleichen: Unser ganzes Dasein scheint von etwas beseelt, was alles andere als lebendig, sondern vielmehr ganz tot ist: Geld.

17 Monate später

Der medizynisch-industrielle Komplex schießt – als sei es ein Krieg – Medikamente wie mit Batterien von Stalinorgeln auf den Feind, die Bakterien, Viren und Bazillen. Es gab zu allen Zeiten Krebsfraß, Depression, Wahnsinn, von denen Menschen dahingerafft wurden. Das wird auch noch so moderne Medizin nicht abschaffen. Schon gar nicht in Zeiten radikaler Vorherrschaft von ökonomisierter Naturwissenschaft und Technologie gegenüber Philosophie und Kultur. Es wird – und zwar vergeblich – mit allen möglichen Mitteln am sogenannten neuen Menschen gebastelt, theoretisch und praktisch, statt dem alten Menschen Bewusstsein für sich und seine Geschichte abzuverlangen.

Gestern

Ich gehöre nicht hierher. Ich hoffe nur, ich erreiche bald den Notar, bei dem wir 15 am Experiment Beteiligten unsere unter seiner Aufsicht frei erfundenen Krankenakten hinterlegt haben, bevor uns hier einliefern ließen für diese Studie, die Aufschluss darüber liefern soll, wie schnell auch Ärzte sich selbst erfüllenden Prophezeiungen aufsitzen.

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