Kaltes Schnitzel, warmes Bier


Unter diesem Titel „Kaltes Schnitzel, warmes Bier“ berichtet die Süddeutsche vom Wochenende (15. / 16. Januar, Seite 15): „Wien hat ein neues Kabaretthaus, aber Österreichs ‚Kleinkunst‘ hat ein Problem mit der Größe.“

Da wird wieder mal lustvoll kolportiert: „.. der Wiener geht schon immer unter, er schlägt nur nie unten auf.“  oder: die größten Feste seien die Beerdigungen auf dem Zentralfriedhof; oder: für die besten Kellner in den Kaffeehäusern würden die unfreundlichsten gehalten. Solche nun liebevoll gehegten Vorurteile über die Ösi-Hauptstädter, sollen dazu verführen,  zustimmend zu nicken: mit dem Autor (Matthias Waha) zu schlussfolgern: „Derartige Morbidität und Depression kann man ohne Humor gar nicht aushalten. Das Kabarett  gehört deswegen in Wien auf unverzichtbare Weise zum Stadtbild.“

Na ja, ich hab in Wien schon einiges fotografiert.  Das Kabarett ist mir dabei nicht ins Bild gerutscht. Insofern bin ich skeptisch anzunehmen, was ich weiter lesen darf: „Die Szene, die mit Helmut Qualtinger oder Georg Kreisler auf eine lange Tradition zurückblickt, hat es in den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts geschafft, den Humor des ganzen deutschsprachigen Raumes zu verändern. Modellhaft gesprochen: Dieter Hildebrandt wurde abgelöst von Josef Hader.“

Der Josef Hader. Das andere Kabarett. Kleinkunst! Kleinkunst? Sind wir beim Thema? Kunst? Klein? Im Gegensatz wozu? Zum Schauspiel? Zur Oper?

Der Waha bringt wieder so einen Satz: „… die Kunst, einen Menschen zum Lachen zu bringen, ohne dass der sich später für sein Lachen schämen muss, ist eine große Kunst.“

Danke! Danke, Herr Waha, danke SZ.

Hat der Hader die selbstgebastelte Anekdote auf Lager, der Qualtinger habe mal im Restaurant moniert: „Herr Ober, das Schitzel ist kalt.“ Und der Ober, habe geantwortet: „Wenn Sie was Warmes wollen, müssen Sie ein Bier bestellen.“ Das habe Qualtinger sprachlos gemacht.

Mit der Anekdote beweist der Hader gar nichts. Aber das muss er auch nicht. Beweisen oder belehren, Politiker derblecken, die Realität kabarettistisch aufbereiten, Realsatire überbieten wollen – Hader hat seit 2004 kein neues Programm gemacht. Das neue, für rund 850 000 Euro umgebaute Wiener Kabaretthaus (ehemals Ballsaal des Hotels Münchber Hof) mit seinen 360 blassrosa bezogenen Sitzplätzen in der Mariahilfer Straße soll der Ort für Kleinkunst sein.

Wer 360 Plätze regelmäßig (was ist das?) voll kriegt, macht keine kleine Kunst. Er macht aber auch keine Kunst im Sinne von „nicht populär (breitenwirksam)“ und unkommerziell, nicht mal in einer Millionenstadt, in einer Metropole.  In durchschnittlichen Städten provinziellen Zuschnittswürde Hader so einen Raum wohl (an zwei bis drei Abenden hintereinander) füllen. Der ortsansässige Klein-Künstler könnte auf drei Abende mit einem Publikum in der Größenordnung von zehn bis 20 Prozent hoffen – und sich dabei sauber verkalkulieren. Selbst wenn er die Kunst beherrschte, einen Menschen zum Lachen zu bringen, ohne dass der sich später für sein Lachen schämen muss.

Ach, da hat man zu tun …

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