„Eh ich’s vergesse …“ – Memoiren eines Nobody (Fragment 02)


Die Oder floss träge. 1991, 1992, 1993. Die „Brücke der Freundschaft“ wirkte abweisend. 1991, 1992, 1993. Von Eisenhüttenstadt bis Schwedt gute 130 Kilometer Grenze zum Bruderland Polen – und in der fast hundertköpfigen Redaktion des ehemaligen Organs der Kreisleitung der SED (heute MOZ) keiner, der des Polnischen mächtig gewesen wäre. Meine Rezension von Monika Marons „Stille Zeile 6“ lag im Manuskript vor. Sie schmorte. Das wollten sie nicht drucken. Noch immer schwätzten sie vom sozialistischen Schwänzchen, mit dem ein Artikel beendet werden sollte.

Irdendso eine Tuss hatte in einem abgelegenen Seminarraum der Viandrina Wahlkampf gemacht. Für die CDU. Den Redakteuren sagte der Name wenig. Ich kannte sie nicht. Angela Merkel? Nie gehört. Sie hatte sich ein wenig aufgekröpft, was nicht verschleierte, dass sie von den Essentials der FDGO wenig bis keinen Schimmer hatte.

Na ja, diskutieren wollte ich sowieso nicht (mehr). Damit hatte ich schon meine Stammtischbrüder vergrätzt. Sie waren eher interessiert dabei, als Elfers und ich an einem der meist ausgesprochen langen Donnerstagsabende rekapitulierten, wann wir auf der einen und der anderen Seite des Eisernen Vorhangs beim Barras waren und feststellten: gleichzeitig, Mitte der 60er.

„Elfers, Du warst die Sau, die permanent drauf und dran war, mit dem Messer zwischen den Zähnen die innerdeutsche Grenze zu überspringen und die Segnungen des Kommunismus auch den Bundesrepublikanern zu oktroyieren?“ Und Elfers nahm den Faden auf: „Wie oft ich alarmiert wurde, weil der agressive Kapitalismus drohte, aufgrund seiner prinzipiell friedensunfähigen Klassenstruktur seine antagonistischen Widersprüche ins sozialistische Friedenslager zu exportieren, das musste zum Hass auf Euch führen.“

Den Abend haben wir stellvertretend für die prinzipiell nicht zum Ausgleich auf Augenhöhe fähigen Verteidigungsminister von BRD und DDR nachträglich förmliche Entschuldigungen ausgesprochen. „Ich wollte Dich nicht erschrecken.“ – „Ich hab nicht geahnt, dass Du Angst vor mir hattest, sorry.“ Die Pizza schmeckte sch – al, aber nach West.

Morgens dann im Hotel, einem früheren Schulungszentrum der Partei, wo auf den Fluren ebenso noch die tütenartigen Lautsprecher hingen wie auf der Hauptstraße, marschierten die zackigen Besserwessis mit ihren Eisen unter den Schuhabsätzen zum Frühstücksbuffet und zu den Tischen zurück, auf den (noch immer?) so Plastikblumen standen – womöglich immer noch mit Blütenknospen von Siemens. Wenn da einer lauschte, müssen ihm die Ohren geklingelt haben, weil die Brötchen so alt waren und so heftig knackten beim Reinbeißen.

Im Museum dann die Ausstellung „Auch deutsche Kunst“ mit Exponaten von dem, was unlängst allenfalls in den Ateliers zu sehen war. Vielleicht. Für Eingeweihte, von denen man annahm, dass sie einen nicht einweichen würden. Was brachte die Kassenfrau dazu, später in der Redaktion anzurufen und ein konspiratives Date verabreden zu wollen? Konnte sie einfach von der Routine einer Lockvogel-Existenz nicht lassen? War sie denn noch nicht in der neuen Zeit angekommen?

Anachronismus ist kein Ding von Jahrhunderten. Aber es wird sicher noch Jahrhunderte dauern, bis alles ausgeräumt ist. Baden und Württemberg sind noch immer zwei Paar Schuhe. Die Ulmer sehen die Donau noch immer als Grenzfluss zu Bayern und gehen nur rüber, wenn es unvermeidbar ist. Slubice mit seinen knapp 50 000 Einwohnern war mal sozusagen Frankfurter Stadtteil jenseits der Oder. Die einzige Brücke – siehe oben. „Es gibt Länder, wo was los ist, und es gibt: Brandenburg“, singt Rainald Grebe, der Piano-Indianer. Brandenburg und Westfalen zum Beispiel sind zwei Paar Stiefel. Vielleicht auch: ein Paar Stiefel und ein Paar Schuhe.

Den Artikel über die nichtlineare Dynamik wollten sie auch nicht drucken. So wie sie die Rezension nicht drucken wollten. Ja gut, ich ging an die Oder und – hörte die Nachtigallen schlagen. Die Oder floss träge. Und die Brücke … Sie holten sich einen Volontär aus Oberhausen, der Polnisch konnte. Und dann gab es jeden Tag eine polnische Vokabel und deren Übersetzung auf Seite 3. Ich weiß nicht, wie weit sie sind, hab es seit 19 Jahren nicht mehr verfolgt. Beinahe hätte ich für eine Seite in der MOZ einen Journalistenpreis bekommen – sie entdeckten rechtzeitig, dass ich Wessi war.

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