Memoiren eines Nobody (Fragmente 03)


Es wäre schön, wenn ich jetzt diesen Notizzettel wiederfände. Schon vor Jahren hatte ich da ein spezielles Kapitel skizziert. Leider hab ich ihn versaubeutelt, verschlampt. Unbewusst beabsichtigt? Ich hatte ja lange meditiert, hatte mich in mein Gehirn verkrochen und es geschafft, mich zu überzeugen, ich würde mich wirklich an die erste Zeit erinnern.

Mein erster Augen-Blick? Der, über den das Erinnern nicht weiter hinausreicht? Ich hatte das aufgeschrieben, ganz rasch, fliegend, was da so hochkam.

Der Notizzettel ist weg. Soll ich mich nochmals so wahnsinnig anstrengen? Ich weiß nicht mal, ob das neuerliche Ergebnis dann mit dem damaligen halbwegs kongruent ist. Da kann ich ja gleich was zusammenfabulieren. Zumal es niemanden wirklich interessiert, was ich noch weiß. Von damals. Als ich drei war. Oder noch etwas jünger.

Es interessiert ja nicht mal, was Ballack aus seiner Zeit als Dreikäsehoch erinnert. Oder Precht. Oder Merkel. Nicht mal wenn Stromberg da auspacken würde, könnte man einen Hund hinterm Ofen hervorlocken.

Apropos Ofen: Sowas gibt es ja kaum noch. Es gibt zwar immer mehr Hunde. Die hocken aber nicht hinter der Heizung, von wo man sie hervorlocken müsste oder könnte.

Irgendwie hab ich das dumpfe Gefühl, mein erster Blick ging in der neuen Wohnung nach oben an die Decke. Und da war ein großes Loch in der Decke. Und es war schwarz gesäumt. Ich sah dem Himmel, weil eine Brandbombe das Haus getroffen und ein Loch in die Decke gebombt hatte. Das Blau, das ich sah, war schwarz umrandet.
Das, behaupte ich jetzt mal, ist meine älteste Erinnerung. Eine halbe Stunde älter ist das Bild: Ich wandere an der Hand des Vaters mit einem Bollerwagen die Straße von der alten Wohnung zur neuen hinauf. „Hinauf“, weil die Straße leicht anstieg. Oder: wenn man sie in entgegengesetzter Richtung lief, leicht abschüssig war.

Den Vorteil sahen wir erst viel später, mit 17, 18, als wir schon keine Rollschuhe mehr liefen. Da war dann die Straße asphaltiert. Vorher war sie geteert und hatte immens viele Löcher. Da war nix mit Rollschuhlaufen. Nur der Sunderweg war asphaltiert. Aber der war nicht abschüssig. Und auf dem fuhren damals nicht so schrecklich viele Autos, aber genug, um die Mütter zum Verbot zu veranlassen: „Du gehst nicht zum Sunderweg!“

Dabei war das auch die einzige Möglichkeit, den Pitschendopp kreisen zu lassen, diesen Holzkegel mit dem Nagel in der Spitze, der mit der Peitsche immer angetrieben werden musste. Auch der Heuldopp kreiselte ausschließlich auf dem Sunderweg.

Und wen juckt das? „Eh ich vergesse … Memoiren eines Nobody“. Immer hatte ich diesen Roman schreiben wollen. Nicht als Biografie, nicht als Memoiren. Als Roman. Irgendwo fand ich den Satz: Autoren schöpfen meist aus dem eigenen Erleben. So spannend war und ist mein Leben aber nicht. Das reicht nicht für einen Roman, nicht mal für eine Kurzgeschichte. Und eine Biografie …

Ich werde doch die Notizzettel suchen. Sie sind irgendwo. Ich hab sie all‘ die Jahre gehabt. Aber dann … Und ich weiß warum: Dieses Wühlen im Gestern, das ist von Übel! Alles Weitere wird jetzt erfunden. Scheiß was auf die Zettel und die Memos. Moin, Moin!

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