Wenn die Birne brummt oder summt


Die Kahlköpfigen (beleibe keine Glatzen) sitzen an der Theke und fabulieren über den Genuss (Verbrauch) von Fleisch, über die Folgen von Fastfood-Konsum (inklusive Diabetes), sie schwadronierten (Vergangenheitsform! Ich bin ja inzwischen schon wieder am PC) über den FC Bayern und warum er immer ausverkauft ist und weshalb ihn alle lieben, den FC Bayern, wenn er international spielt … Und sie lenkten mich ab, die Kahlköpfigen, und ich musste mich immer wieder konzentrieren.

Ic h war nämlich nicht gekommen, weil ich die Kahlköpfigen belauschen wollte. Ich wollte noch was trinken, einen Wein. Und dabei lesen wollte ich. „Die ganze Wahrheit über Stuttgart 21“ von Wolf Reiser. Der Autor hatte mir das Exemplar geschickt, mit Widmung. In absehbarer Zeit will er mich besuchen. Oh je! Da muss ich das Buch gelesen haben.

Ich bin auf Seite 67 von 187 Seiten. Und die 67 Seiten machten mich zunächst – bis Seite 17? – nicht soooo an. Aber ich wusste: Ich muss weiterlesen. Jetzt, auf Seite 67, hat Reiser mächtig Fahrt aufgenommen. Was ich nun las und was sich irgendwie mit dem Geschwatze (ich vermeide das Wort Geschwätz, weil Norddeutsche das negativ interpretieren) vermischte, trieb mich aus der Bodega. Ich musste das hier tun – eine Notiz schreiben. Weil die Birne brummt oder summt (der Satz wird hier eingefügt wg. der Überschrift).

Ihr kommt vermutlich gar nicht klar. Na gut. Dann müsstet Ihr in eine Bodega in Bayern gehen, die ein Pole betreibt, in der Kahlköpfige die Theke okkupiert haben, über Diabetes, Fastfood und Bayern München spekulative (keineswegs spektakuläre) Ansichten äußern – und Ihr müsstet gleichzeitig Wolf Reisers „Die ganze Wahrheit über Stuttgart 21“ lesen.

Vielleicht erahnt Ihr dann. Ich hab jedenfalls begriffen: Mein neuestes Stück „Helden auf dem Abstellgleis“, das am 4. Januar Premiere hatte und im Mai oder Juni bei den 29. Bayerischen Theatertagen in einer Aufführung bei „Müller 7“ (ein Möbeldesign-Geschäft) das Publikum irritieren wird, dieses Stück ist keine fertige Produktion, sondern ein Projekt.

Meine „Helden auf dem Abstellgleis“ müssen noch einen neuen Dreh kriegen. Es ist ja wahr: Wer 1968 Mitte 20, also 25 Jahre alt war, ist heute 68. Damals hat er mit dem Revolutionsbarden Franz-Jupp Degenhardt (im „Deutschen Sonntag“) gesungen: „Traumverloren sitzen auf den Stadtparkbänken, Greise, die an Sedan denken.“

Und heute setzen die neuen Greise, die gern Senioren heißen oder „Männer 50 plus“, an Stelle von Sedan Whyl oder Wackersdorf, preisen Sit-ins und Menschenketten, erzählen Dönekes wie: „Dieser Parka hat schon dem eisigen Strahl der Wasserwerfer an der Startbahn West getrotzt.“

Verdammt, lassen wir uns den Schneid abkaufen von M&M (Merkel und Mappus)? Die PR-Maschinerie hat es geschafft, dass man den, der mal „Nein“ sagt veralbert. Sogar die, welche „Nuhr“ aufmüpfig sein wollen, spotten über die „Wutbürger“, die darauf hin beschämt kuschen.

Wahrscheinlich gelingt es dem Reiser, mich, einen „Helden auf dem Abstellgleis“ dazuzubringen, bei den nächsten Vorstellungen noch heftiger zuzulangen. Wenn, nachdem ich „Die ganze Wahrheit über Stuttgart 21“ gelesen habe (ich hab das Lesen schon immer, von klein auf, als subversiv verstanden, wenn ich vor 60 Jahren den Ausdruck auch noch nicht kannte oder verstanden hätte, hätte ich ihn gekannt), also nach der Lektüre kann ich vermutlich nicht umhin, in die Texte von Mario, René und Sigmund eine Passage einzubauen, die auf solche Gedanken rekurriert:

„Was also nun treibt Stuttgarts politisch-ökonomi­sche Klasse an, seit einem Vierteljahrhundert un­beirrt an einem Projekt festzuhalten, das selbst wohlgesinnte Planungs-Insider als höchst riskant, unwirtschaftlich und aberwitzig bezeichnen? Egal, wie eloquent und raffiniert die S21-Fürsprecher seit­her auftreten und wie sie ihre verkehrslogistischen Konstruktionen verkaufen: Man wird das Gefühl nicht los, dass hier ein kleiner Zirkel den Versuch unternimmt, sich selbst unter Nutzung der Landes­hauptstadt vom Provinzdasein zu erlösen, das ima­ginäre Image von Kehrwoche, Spießertum und fri­gidem Spartrieb loszuwerden und endlich auf glühenden Gleisen Richtung große Welt zu rasen, um eine echte Nummer und eine ernst zu nehmende Adresse im globalen Masterplan zu werden. Und nun merken die normalen Menschen dort, dass diese Handvoll Oligarchen davon ausgeht, mit dieser brei­ten Sehnsucht nach Größe spielen zu können, und sich dabei auch noch die Taschen füllt. Denn in letz­ter Konsequenz geht es hier um ein gigantisches Immobiliengeschäft, bei dem wenige maßlos profi­tieren und der Rest draufzahlt.“ (Wolf Reiser: „Die ganze Wahrheit über Stuttgart 21“, Seite 47 / 48, Scorpio Verlag, Berlin-München, 2011, ISBN 978 – 3 – 942166 – 26 – 3)

An der Stelle hier müsste jetzt der Exkurs über den Begriff „Wahrheit“ kommen, aber –

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