„Eh ich’s vergesse …“ – Memoiren eines Nobody (Fragment 05)


Dies ist jetzt nur eine Momentaufnahme. Nichts Wesentliches im Leben eine Nobody. Vielleicht waren es knapp 60 Minuten. Ich war in Kur, an einem Ort, wo ich nicht hingehöre. Ich mir immer gesagt: Ich gehöre gar nicht hierher. Aber einfach gehen und dann den ganzen Schlamassel zahle, also da hatte ich auch keinen Bock drauf.

Und wenn die Chose dann abreisst, dann hast Du oft Situtionen zu überstehen, die Du normalerweise hasst. Da sitz ich wieder und warte. Gleich kommt die Frau Doktor, Dr. Kuzmaninov, sie leitet die „Progressive Muskelentspannung  nach … weiß nicht mehr“. Das ist jetzt schon mein vorletztes Mal. Ein paar andere sind auch noch da. Ich grüß in die Runde. Nach ner Weile, die Doktorin verspätet sich wieder, quatsch ich den Nebensitzer an.

„Moin. Ich bin der Mario. Mario Béekaff. Manchmal heiße ich auch Spocky, das kommt von Spock, Mr. Spock. Du bist der … ah Werner. Wir duzen uns alle hier in „Vitalis“. Du bist neu. Hab Dich noch nie gesehen. Vielleicht interessierts’s Dich nicht, deswegen werde ich Dir mal einiges erzählen, was Du wissen musst. So nebenbei: Hier hab ich was für Dich: Ich mach heute Abend ne Dichterlesung.

Autorenlesung-bild

Du siehst, ich hab schon ne Menge gemacht. Hätteste mir so auf Anhieb gar nicht zugetraut, was? Na schön.

Mr. Spock getauft hat mich der personal coach, den die Konzernspitze mir vor Jahren aufgedrängt hatte. Er scherzte, ich sei so eine Art Spock-Wiedergänger, womit er lustig umschreiben wollte: Ich sei skrupellos, lieblos, herzlos, kalt, irgendwie unmenschlich – typisch Businessman. Er konstatierte: fehlende Empathie, gering entwickelte emotionale Intelligenz und daraus resultierend: mangelnde soziale Kompetenz.

„Solche Manager alten Schlages können sich moderne Unternehmen heutzutage nicht mehr leisten“, sagte er. Er wolle mir helfen, das abzustellen. Ich müsse bereit sein zu kooperieren. Im Laufe unserer Kooperation hat er mir als zentrale Maßnahme kurze Filmschnipsel vorgespielt, mit Mr. Spock als abschreckendes Beispiel.

Ich fand den gar nicht abschreckend, eher faszinierend. Sachlich, tough, brainy, zielorientiert. So hatte ich mich idealisiert immer gesehen. Ich wurde dann dazu verdonnert, mir per MP3-Player die Spock-Sprüche immer wieder zu geben. Irgendwie, irgendwann haben die Spock-Sprüche mich irgendwo dann nur noch genervt. Und war erschreckt, dass ich solche Sprüche im Alltag, im Büro und zu Hause, oft abgelassen hatte.

Zum Beispiel:
„Ich finde es indiskutabel, wie Sie Ihre albernen Emotionen hier zur Schau stellen.“

Ich fing an, mich dafür zu hassen. Ich fand das nicht mehr taff, rational, sachlich und verwendete die Sprüche immer seltener. Und ich sag’s mal so: Ich wurde immer weniger spocky, verabschiedete mich innerlich und äußerlich von dem Typ Manager, den sich moderne Unternehmen heute nicht mehr leisten können, und – wurde etwa zwei Jahre nach Beginn der tatsächlich erfolgreichen Abschreckungs-Therapie verabschiedet. Meinen Job macht jetzt ein Jüngerer, nach allem, was ich höre, einer von der Sorte, die sich moderne Unternehmen heute nicht mehr leisten können. Faszinierend.

Na Werner, hast Du mir die Story jetzt geglaubt? Hier schönt jeder seine Biografie. Das wirst Du noch lernen. Mancher erzählen im Laufe der Kur mehrere höchst unterschiedliche Versionen.

Einige spinnen hier ganz schön rum. Faszinierend. Manchmal bin so platt, wie mein Mr. Spock, wenn er mal aufs Holodeck geht. Du wirst es ja selbst sehen, wenn Du dann ein paar Tage hier bist. Ich sag ja immer: Jeder spielt, wer’s weiß, ist im Vorteil. Mein Geheimtipp: Spiele Deine Rolle, aber spiele sie bewusst. Da hapert es ja weitgehend.

Nehmen Sie doch die beiden da vorne: Die sind mit mir angekommen. Die haben sich gesucht und gefunden. Seit die hier sind, kriegen die immer wieder den Koller und proben angeblich an einem Theaterstück, der eine als Diabetes und der andere als Hepatitis. Aber die haben noch mehr als nur den einen Spleen. Der Diabetes nennt sich auch gern René und der andere, ein Wiener, Sigmund. Wahrscheinlich heißt der eine Müller, Maier oder Schulze und der andere Wondraschek. Ich werd nicht ganz schlau aus denen. Angeblich haben sie früher schon mal gemeinsame Sache gemacht, waren Komplizen, in Darmstadt, glaub ich. Vielleicht sind sie auch schizophren. Oder einfach nur bekloppt. Wenn das normale Kurgäste sind, bin ich Karl der Große.“

Nachdem ich soviel erzählt hab, kriegt der Werner auch mal das Maul auf: „Sind wir nicht alle ein wenig bescheuert?“

Und wir führen das übliche Gespräch unter Fachleuten. „Klar“, sag ich. „Man darf das Leben nicht zu genau betrachten, sonst wird es unerträglich. Illusionen sind unverzichtbar. Ich werde demnächst sowas von einem Bestseller geschrieben haben… aber sowas von einem Bestseller … Es ist alles schon fertig in meinem Kopf und darüber hinaus bereits in Arbeit. Das Schwierigste ist ja immer der erste Satz. Die meisten Autoren kapitulieren davor. Schreib-Blockade. Oder neudeutsch Schreib-Bloggade, ha-ha, U now? Mein erster Satz steht, ist fix und fertig. Allein dieser Satz ist Garant für den Bestseller. Frag mich nicht, wie er lautet. Den verrat ich nicht. Wo doch heute alles geklaut wird, besonders geistiges Eigentum. Gut, nenn es Illusion. Aber: Solch ein Projekt verwirklichen zu wollen, das hält einen senkrecht. Man hat ein Ziel, bleibt fit im Kopf. Das ist sowas wie mentales Viagra.“

Fragt der Werner: „Apropos, hast Du so ein blaues Wunder schon mal ausprobiert?“

Ich bin zwar erstaunt, dass der Typ da so direkt fragt, mach dann aber das Tor auf und sage: „Hat doch jeder schon mal – oder? Es ist doch nicht mehr wie mit 20. Ich mein, man hat nicht mehr einfach mehrere Erektionen pro Stunde.“

Und er bestätigt: „Klar, das Alter, der Stress. Im allgemeinen. Job, midlife-Krise, weniger Perspektive, muss sich ja irgendwie auswirken. Männliche Wechseljahre – weshalb bin denn in Kur?“

Ich leg dann nochmal nach: „Ich meine, Sex ist ist immer irgendwo mit Stress verbunden … vor allen Dingen, wenn man funktionieren muss. Ich hab es mal auf die veränderte Lebenssituation Situation geschoben. Sowieso weniger Testosteron. Und dann muss man sich ja eingestehen: Soooo attraktiv ist man auch nicht mehr. Es gab auch mächtig Strom in den Tapeten, als ich plötzlich sozusagen den ganzen Tag zu Hause war. Ich hab ihr wohl zuviel reingeredet, wollte zu viel umkrempeln und neu organisieren. Aus meiner Sicht lief das Unternehmen Haushalt ziemlich chaotisch. Aber Lotte wollte nix wissen von meiner Projekt-Planung und supervising. Na ja, was soll’s – wir haben uns dann arrangiert, auf zwei Stockwerken, ich oben, sie Parterre. Und jetzt bin ich schon drei Wochen in Kur. Sie hat noch nicht einmal angerufen. Wenn sie ihre Katze mal nen Tag nicht sieht, dann ist das ne Katastrophe, da lamentiert und trauert sie. Mich vermisst sie nicht die Bohne. Wenn ich mal in die Kiste hüpfe, dann trauert sie einen Tag, maximal, wenn überhaupt, und gibt dann die lustige Witwe.“

Die anderen sind jetzt drin bei der „Progess-Mu-Entspa“. Wir sind in die Cafeteria gegangen. Reden beim Kaffee weiter. Fragt mich doch der Werner (in der Kur lassen alle schnell irgendwie die Arschbacken locker) ganz unverblümt. „Ja, habt Ihr denn noch Sex? Hast Du noch Sex?“

„Irgendwie – schon. Sowas wie … Aber da ist auch immer was Komisches. Ach verdammt, man weiß doch bei Frauen nie.“


Du sprichst ein großes Wort gelassen aus. Eigentlich weiß man nie, wo man dran ist bei ihnen. Man kriegt nicht mal richtig mit, ob’s ihnen gefallen hat. Je länger man eine kennt, desto weniger … Oder?“

„Gehst Du für sowas auch mal zum Arzt, Mario, auch wegen Vorsorge und so?“

„Klar, muss man ja. Aber selbst wenn Du nicht wolltest – Du kannst doch heutzutage den Fängen des medizinisch-industriellen Gesundheitswesen gar nicht mehr ausweichen. In den Innenstädten stolperst Du doch alle zehn Meter in eine Arztpraxis, in eine Tages-Klinik, in irgendein Ambulatorium. Und wenn Du meinst, Du hättest es geschafft, kommt ne Apotheke, von Optikern und Hörgeräteläden ganz zu schweigen.“

Ich überleg die ganze Zeit, in der soviel über Gesundheit rede, ob ich nicht mal wieder eine rauchen sollte. Aber dann müsste man vor die Tür gehen. Es regnet. So kann ich eden Rückfall vermeiden. Jeep hätt ich – schon, weil mein Widerspruchsgeist geweckt wird.

Jetzt lenkt mich der Werner ab: „Wenn Du dann beim Arzt landest – die Rumhockerei in den Wartezimmern. Das ist doch schrecklich.“

Hui, das ist mein Thema: „Ja, weil so viele so regelmäßig gehen. Meine Nachbarin, die geht sowas von regelmäßig: montags, mittwochs und freitags. Das war ja sogar unlängst die Schlagzeile in der BLÖD: ‚Viele Alte gehen aus Langeweile zum Arzt.‘ Und dann gibt’s die Profis, die machen Praxen-Hopping, nicht, um den Arzt zu wechseln, sondern die Wartezimmerbesetzung. Weil sie ihre Story schon mehrfach denselben Leuten erzählt haben und die Stories der anderen auch schon in und auswendig kennen. Wenn Du einmal anfängst, hängst Du drin: In unserem Alter muss es ja der Urologe sein. Von da zum Endokrinologen. Der schickt Dich zum Augenarzt. Und beim Hausarzt Deines Vertrauens landest Du dann irgendwann siewieso – ich auch. Wollte nur mal son bisschen Fango und Massage. Ich dachte: Da gehste hin, kriegst nen Attest und schwupps. Flöte: Der Doc fragt, warum ich das will. Ich sag: Ich sag: Ach, wissen Sie, der Rücken. Er: ‚Der Rücken? Wann sind Sie das letzte Mal geröntgt worden?‘ – ’25 Jahre….‘ Jetzt war ich dran. Ab in die Röhre, Computertomo-Dingsbums. Ist natürlich sau-teuer. Einmal rein und raus: 700 €. 1000 Patienten braucht’s, bis sich der Apparat amortisiert hat. Ich habe zum wirtschaftlichen Nutzen beigetragen, komm zum Hausarzt zurück, der guckt sich den Befund an, sagt was von altersbedingtem Verschleiß und Schonung und verschreibt mir: Fango und Massage. Dann fragt er noch, ob ich nicht ne Kur wollte. Ich sag „Auf meine alten Tage?“ und erzähl noch, dass ich vor zwei Jahren alles probiert hab, aber alles abgelehnt wurde. Er sagt, mit dem Befund kriegt er ne Kur für mich durch. Du siehst ja: Jetzt, bloß ein Vierteljahr später bin ich hier, in Kur. Hauptanwendungen? Fango und Massage – Kostenpunkt? Ein paar lumpige Tausender.“

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