Loriot – (wieder) aktuell!


Zwei ausverkaufte Vorstellungen Jahr für Jahr zu Silvester lassen uns den Kopf über Wasser halten. Silvester 2008 war da noch mal was Besonderes, etwas, was es vorher so noch nicht gab bei uns: Binnen zwei Stunden waren nach Start des Vorverkaufs 50 Prozent der gut 400 Karten verkauft. Somit war die Idee, Vicco v. Bülow, (alias Loriot) 85. Geburtstag (12. November 2008) angemessen begehen und den Jahresabschluss dem langjährigen künstlerischen Schaffen Loriots widmen zu wollen, schon mal publikumsträchtig.

VoLoriot an Silvester im theater neu-ulmn Anfang an, beim Start unseres Theaters, hatten wir auf diesen Autor gesetzt – und waren dabei ganz schön bespöttelt worden. Inzwischen nahmen sich große Bühnen in prominenter Besetzung der Loriot-Szenen an, so Gunnar Möller und Christiane Hammacher am Schiller-Theater in Berlin – als Gastspiel einer Produktion der Komödie im Bayrischen Hof (München).

Loriots Dramatische Werke haben regelrecht die deutschsprachigen Theater-Bühnen erobert: Seine "Szenen" waren in der Spielzeit 06 / 07 laut der Werkstatistik des Deutschen Bühnenvereins in der Liste der Werke mit den höchsten Aufführungszahlen an siebter Stelle. 48 222 Menschen hatten die fünf-Minuten-Dramen in 17 Inszenierungen mit 442 Aufführungen gesehen. (Da waren die Zahlen des Theater Neu-Ulm noch nicht einmal dabei, weil wir wegen der Überbürdung im bürokratischen Bereich für diese Statistik nicht gemeldet hatten.)

Und Loriot ist auch jetzt gerade wieder verdammt aktuell: Es lohnt sich, gerade angesichts der laufenden Ereignisse mal das eine oder andere wieder nachzulesen. Zum Beispiel, was Herr Dr. Sommer in "Der sprechende Hund" zum Thema Politiker und Atomstrom zu sagen hat. Auch "Das Wahlplakat" ist im Hinblick auf das Wahljahr sehr hübsch, "Frühstück und Politik" und der "Aufbruch" machen Laune.

Klar – "Das Frühstücksei", die „Eheberatung", „Die englische Inhaltsangabe", der "Feierabend" oder der „Fernsehabend" sind mittlerweile zu wahren Klassikern geworden. Seit über 40 Jahren lässt Loriot die Deutschen lachen über die Komik des Alltäglichen und die Tücken des Objekts. Aber noch immer spiele ich mit wahrem Genuss "Die Bundestagsrede". Mein lieber Herr Gesangverein, da kommt so mancher Akteur der Berliner (Polit-)Bühne nicht hinterher.

Allen, die noch etwas Theorie brauchen, dürfen wir hier die Fundamentalsätze des Großmeisters des hintersinnigen Humors (denn es in Deutschland ja angeblich gar nicht gibt) reichen, ordentlich zitiert, als Fußnote, mit Quelle:

*„Dramatische Werke soll es seit etwa zweitausendfünfhundert Jahren geben. Das kann stimmen, es gab in Berlin schon Theateraufführungen, als ich noch Kind war. Man spielte damals Stücke von Shakespeare, Molière, Lessing, Goethe, Schiller, Kleist, Ibsen, Strindberg, Hauptmann und ähnliches. Heute sind die genannten Autoren unbekannt und ihre Werke in Vergessenheit geraten. Das Publikum ist anspruchsvoller geworden. Es erwartet die dramatische Verarbeitung von Problemen aus dem eigenen Lebensbereich.
Infolge mannigfaltiger Belastungen durch Beruf, Familie und Freizeit ist der moderne Mensch jedoch kaum noch imstande, sich auf ein mehrstündiges Bühnenwerk zu konzentrieren. Aus diesem Grunde überschreitet so gut wie keines meiner Dramen eine Länge von fünf Minuten. Damit sind sie dem biologischen Rhythmus von Menschen und weißen Mäusen angepasst.“
Ammerland, im Sommer 1981 / Aus Loriots Dramatische Werke, Diogenes Verlag 1981

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