Vom Scherbenviertel zum Stella-Platz



Schreit nach „Gestalten!“ – der Petrusplatz in Neu-Ulm, rechte Herzkammer der Stadt.

Ideen für Neu-Ulm, die absurd genug klingen, um Chancen zu haben

Sensationell: Frank Stella, der weltberühmte Frank Stella, einer der Großmeister der modernen Kunst, gestaltet die rechte Herzkammer Neu-Ulms, den Petrusplatz. In unmittelbarer Nachbarschaft wird das Werk eines anderen Weltkünstlers platziert: „Open Two-way Mirror for Günter Steinle“ (1991) von Dan Graham wird eventuell vom Ulmer Magirushof nach Neu-Ulm geholt und dem Theater Neu-Ulm, welches wohl ab Sommer 2012 unter der Adresse Hermann-Köhl-Straße 1 residieren wird, vors Portal gesetzt. So entsteht ein Kunst-Magnet auf der rechten Seite der Donau.

Der wird heftig korrespondieren mit den zentral am Petrusplatz gelegenen Museen. Und vorläufig gekrönt wird dies elektrisierende Ensemble durch eine zeitlich begrenzte konzertierte Gärtner-plus-Plastiker-Aktion: Die Friedenstraße, die auf der Gegenseite den Petrusplatz begrenzt, wird ein Jahr lang für den Durchfahrverkehr gesperrt und frei gegeben für „City Gardening“ (prägnanter: „Guerilla Gardening“) und als Ausstellungsfläche für Skulpturen (Großplastiken) entsprechend potenter KünstlerInnen aus der Region wie Gerd Mattheis, Felix Burgel, Herbert Volz, um einige beispielhaft zu nennen.

Unrealistische Spinnerei? Reine Utopie? Absurde Ideen? Einstein hat mal gesagt: „Wenn eine Idee am Anfang nicht absurd klingt, dann gibt es keine Hoffnung für sie.“

Zeichnungen, Animationen, konkrete Entwürfe Starkünstlers Frank Stella liegen vor. Konkret. Sie sind zu besichtigen an den Wänden des Büros von Günter Steinle (Foto links). Dessen enge Verbindung zu Frank Stella ist in Jahren gewachsen, bei Besuchen in Stellas New Yorker Atelier, bei Stellas Gegenbesuchen in Ulm und vor allem in Neu-Ulm. Da hatte er am Petrusplatz gestanden, hatte eine Inspiration und lieferte Günter Steinle die Kreation frei Haus, mitsamt handschriftlichem Begleitbrief.

Das oben erwähnte Kunstwerk„Open Two-way Mirror for Günter Steinle“ (1991) von Dan Graham, welches am unmittelbar benachbarten kleinen Platz aufgestellt wird, gehört (wie aus der Werk-Bezeichnung ersichtlich) Günter Steinle ohnehin. Es fristete einige Jahre am Magirushof in Ulm ein unverdientes Stiefmütterchen-Dasein. Erst Stuttgarter Kunstverständige machten die Ulmer Kunstverwalter darauf aufmerksam, was da unbeachtet am Boden liegt. Steinle mag es nicht mehr so links liegen gelassen sehen und möchte es auf die rechte Seite des Flusses holen.

Die Gedankenspiele und Visionen passen prächtig ins neuerdings offensichtlich boomende Neu-Ulm. „Vor 15 Jahren war Neu-Ulm am Ende“, stellt Günter Steinle nüchtern fest. „Ich habe fertig“, hätte die Stadt sagen können, wenn sie sich hätte artikulieren können. Und auch ein paar Jahre später wäre Neu-Ulm noch immer hochinteressant gewesen für jemand wie Fridolin Dietrich. Der „Image-Pfleger“ entwickelt Markenauftritte besonders gern für scheinbar aussichtlose Fälle. Heute.

Wenn er vor 20 Jahren schon aktiv gewesen wäre und von Neu-Ulm gewusst hätte, müsste er sich um Neu-Ulm gerissen haben. Ob er damals einen Auftrag ergattert hätte, darf bezweifelt werden. Noch heute sind längst nicht alle überzeugt, dass die Stadt einen solchen Image-Pfleger braucht. Noch immer hält ein Teil des Stadtrates es für überflüssig, Gelder bereitzustellen für einen City-Manager, besser: für Stadtmarketing. Da wird schnell dahingesagt: Die Händler, die sich hier eine goldene Nase verdienen (wollen), sollen doch zusammenlegen und sich selbst vermarkten.

Günter Steinle ist in Neu-Ulm „eingestiegen“, als große Baugesellschaften schon konzipierte Projekte abbliesen, zunächst interessierte Handelshäuser wieder absprangen und auch sonst schien alles „tote Hose“.  Steinles erstes Neu-Ulmer Projekt war die alte Römerfabrik. Die Gegend beliebte selbst ein Bürgermeister gern als „Scherbenviertel“ zu bezeichnen. Als Günter Steinle da einstieg, wunderte sich die Branche. Er beteiligte sich am Wettbewerb ums Gestalten dieser Brache („Brachen sind mein Steckenpferd“)  – und machte den unangefochtenen ersten Preis. Gegen sehr etablierte Konkurrenz. Für Steinle selbst keine Überraschung: „Wir haben bislang noch jeden Wettbewerb gewonnen, an dem wir uns beteiligt haben.“

„Sein“ Projekt „Römerhof“, welches Scherbenviertel zu nennen er sich fürderhin strengstens verbat, war so etwas wie eine Initialzündung. Zunächst kaum wahrgenommen, dann aber doch ausstrahlend. Die Wohnungen gingen entgegen allen Unkenrufen weg wie warme Semmeln, keineswegs nur als Anlage-Objekte: Vielen Eigentümern war das Areal attraktiv genug, um selbst einzuziehen. Diesem ersten Ausrufezeichen für gutes Wohnen mitten in der Stadt setzte Steinle eins drauf: Er getraute sich, die Anfrage ob er nicht die selbst von der Stadtspitze „Diaspora“ getaufte Brache um die sogenannte und viel diskutierte Hieber-Passage sanieren wolle, positiv zu bescheiden. An dem hatten sich schon manche die Zähne ausgebissen. Heute ist das Gebiet regelrecht salonfähig.

Solcher unternehmerischer Geist und besondere Zeitläufte gingen Hand in Hand mit einer gewissen kommunalpolitischen Aufbruchstimmung. Die relativ kleine und relativ junge bayerische Stadt hat, das ist eine jetzt und hier mal gewagte These, Neu-Ulm hat viel zukunftsträchtiges Potential. Das Zusammenspiel von Technologie, Talent und Toleranz bestimmt die Attraktivität einer Stadt. Und es soll hier kühn behauptet werden: In Neu-Ulm ist dieses Dreigestirn der neuen Urbanität in einem für die Größe der Stadt ausreichendem Maße beheimatet. Signifikant für den Punkt „Toleranz“ (der in Neu-Ulm Tradition hat – kamen Ulmer doch zu bestimmten Zeiten „rüber, um ein freies Wort zu führen“) also signifikant für „Toleranz“: Die Neu-Ulmerinnen und Neu-Ulmer waren so frei und wählten zum Ausgang des 20. Jahrhunderts tatsächlich eine Frau an die Spitze ihrer Kommune. Die Oberbürgermeisterin Dr. Beate Merk wiederum brachte in ihrer (für viele zu kurzen) achtjährigen „Regierungszeit“ ihre besondere, ja: frauliche Note ins Stadtgeschehen ein. Sie setzte Zeichen und Signale, erfand nicht nur Populäres wie das „König-Ludwig-Fest“ (der Kini hatte Neu-Ulm 1869 das Stadtrecht verliehen), sondern forcierte, um nicht zu sagen: implantierte innerstädtisch Kunst und Kultur (was bekanntlich nicht dasselbe ist), und wusste besondere Chancen, die sich boten, klug zu nutzen.

Neu-Ulm profitierte vom Abzug der US-Armee; das ehemalige Kasernengelände ist nun attraktives Wohngebiet sowie Standort der neugegründeten Hochschule Neu-Ulm; es wurde Teil einer bis heute positiv nachwirkenden Landes-Gartenschau und bietet auch jungen, zukunftsträchtigen Unternehmen Platz, Beispiel Edinson-Allee. Parallel wurde unter dem Motto Neu-Ulm 21 das die Innenstadt viel zu breit durchschneidende Bahnareal arrondiert, die Stadtdurchfahrt tiefer gelegt.

Was auch immer der letzte Auslöser war: Jetzt wird rege gebaut in Neu-Ulms innerstädtischen Arealen. War zum Ende des 19. Jahrhundert das damals ganz junge Neu-Ulm wegen seiner neuen Häuser attraktiv für Offiziere zum Beispiel, die in Ulm stationiert, aber mit den dortigen Wohnangeboten nicht zufrieden waren, so scheint auch jetzt wieder einiges für den Wechsel auf diese Seite der Donau zu sprechen.

Vieles in Neu-Ulm ist attraktiv für die Region, der Glacis-Park einschließlich der Veranstaltungsinsel mit dem „Amphitheater im Grünen“, das riesige Freizeitgelände im Bereich Wiley, neuerdings die Arena, der gerade fertiggestellte Top-Kletter-Dome des DAV an der Reuttierstraße (auf dem Gelände der ehemaligen Nelson-Kaserne), auch das Wonnemar liegt gerade noch auf Neu-Ulmer Stadtgebiet. Und: , die eine besondere Note dadurch bekam, dass die Neu-Ulmerinnen und Neu-Ulmer eine Frau an die Stadtspitze wählten. Die beste Küche beider Städte ist an der Neu-Ulmer Bahnhofstraße geboten („Stephanstuben“), das einzige Kindermuseum weit und breit findet man am Petrusplatz. Und solch herausragenden Initiativen wie die der Kunstmäzene Werner Schneider und Arthur Walther sucht man in Städten vergleichbarer Größe vergebens.

Nein, an Neu-Ulm kommt man kaum noch vorbei. Das auszubauen und eine Marke draus zu machen, daran arbeitet die aus einer Händlervereinigung hervorgegangene Innenstadt-Initiative „Wir in Neu-Ulm“, Dienstleister, Gastronomen, Künstler, Händler und Privatpersonen „Die sich für Neu-Ulm stark machen“. Seit einem Jahr ist diese, von der Stadt mitgetragene Initiative mit verschiedenen Aktivitäten auffällig geworden. Für die nächsten Jahre ist jeweils mindestens ein Projekt geplant, welches es vorher so noch nicht gab. So gibt es im Frühjahr 2012 als künstlerische Novität (für den deutschsprachigen Raum) das „1. Neu-Ulm PocketKlassiker-Festival“, welches, wenn es denn einschlägt, zur Biennale wachsen soll. Wenn dann die eingangs geschilderten Visionen noch realisiert werden, würde Neu-Ulm für einen „Imagepfleger“ Fridolin Dietrich un-interessant.

Und einer wie Günter Steinle, der hat noch manchen Pfeil im Köcher, sprich: Pläne (nicht nur) in der Schublade. Er wird seinen Teil dazu beitragen, die Lebensqualität in Neu-Ulm zu erhöhen, parallel und zusammen mit anderen, die ihre Unternehmungslust, Kreativität Freude am Gestalten überborden lassen.

Wer zu denen gehören will, „Die sich für Neu-Ulm stark machen“ ist im Kreise der Aktivisten, die sich unter „Wir in Neu-Ulm“ zusammengetan haben, herzlichst willkommen. Es gibt Ideen für mindestens zehn Jahre. Und jede weitere gute Idee wird eine Chance haben.

Mal sehen, ob spätestens in zehn Jahren Stadtführungen durch Ulm nicht regelmäßig einen Seitenwechsel, einen Seitensprung nach Neu-Ulm machen müssen.

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