Auf hohem Ross: Amtsschimmelreiter St. Bürokratius


aus: wikipedia, Fotograf: Peter Schmelzle, Lizenz: CC-By-3.0

Ein Theaterneubau ist was höchst Kompliziertes. Sogar ein Zimmertheater mit maximal 99 Plätzen einzurichten ist sehr aufwändig und sehr teuer. Wer da in naher Zukunft Pläne hegt, soll hier gewarnt sein. Oder soll sich bei uns informieren. Wir durchleiden gerade die Torturen, (Theater-) Kunst eine Heimstatt zu geben:  Jede Menge Auflagen sollen erfüllt und jede Menge Geld muss deswegen aufgebracht werden, der Amtsschimmel wiehert.

Wem soll ein Theaterbesuch möglich sein? Jeder und jedem. Allen, die rein wollen. Wer will rein? Jeder? Jede? Mitnichten! Wenn Du seit rund 50 Jahren Theater machst, davon 30 Jahre am selben Ort, kennst Du Deine „Pappenheimer“.

Wenn schon ein neues Theater, dann so  … wie möglich. Hmh – so praktisch? So groß? So schön? So ansprechend? So funktional? So perfekt?  Ja wie soll es eigentlich sein? Das alte Domizil war wirklich alt, morbide, (zu) groß, altmodisch, 110 Jahre alt, entsprechend marode und sanierungsbedürftig, energetisch / thermisch  und in jeder sonstigen Hinsicht.

Auflagen, die im alten Haus 60 und mehr Jahre keinerlei Rolle spielten, verleiden einem nun den Spaß am Neu-Anfang. Jeder, der (und jede, die) früher zu uns ins Theater wollte, kam rein. Auf alles wurde Rücksicht genommen – auf die, die in der Mitte von 16 Sitzen Platzangst gehabt hätten, auf Leute mit langen Beinen oder kurzem Oberkörper. Wir haben in den alten (Tanz-)Saal ansteigende „Ränge“ eingebaut, um die Sicht für weniger Betuchte auf den letzten Plätzen zu verbessern.

Noch vor drei Wochen haben eine Rollstuhlfahrerin  14 Stufen hoch ins studio getragen. Das neue Theater ist, oh Tod, nicht barrierefrei. Es gibt am Eingang eine Stufe, etwa zwölf Zentimeter hoch. Da soll also eine Rampe gebaut werden. Kostenpunkt: runde 10.000 Euro. In den letzten 30 Jahren wollten  grob gezählt  17 RollstuhlfahrerInnen ins Theater. Alle haben vorher telefonisch oder per Mail ihr Kommen angekündigt und ihre Plätze reserviert. Dabei wurde geklärt, ob sie die Vorstellung im Rollstuhl genießen wollten (da wurde dann ein Theaterstuhl aus der Reihe genommen) oder  ob sie auf einen der vorhandenen Stühle reflektierten (da wurde der Rollstuhl seitwärts geparkt).

Wir dachten naiv, dies individuell abgestimmte  Service könnte beibehalten werden. Wir dachten, 10.000 Euro für knapp zwei Dutzend BesucherInnen in den nächsten 30 Jahren  seien unverhältnismäßig (was eine Ausnahmeregel zuließe), zumal wir sozusagen jeden „unserer“ Rollstuhlfahrer persönlich kennen und schätzen.  Nein, St. Bürokratius belehrt uns: Die Barrierefreiheit brächte uns in Zukunft mehr BesucherInnen mit Handicap – das  aber, so dekretiert der Bürokrat, mit zwei Freikarten (die Zweite für die Begleitperson).

Darf ich staunen: Ich baue vorwiegend mit meinem privaten Geld ein Theater, muss für eine verschwindend kleine Zahl von potentiellen ZuschauerInnen eine unverhältnismäßig hohe Investition tätigen und soll dann auch noch Theaterspielen (Texte lernen, proben und alles Übrige) für Umme?

Und wenn ich jetzt sage: Dat jeht nich! Die Kohle hab ich nicht! Ich bau gar kein Theater, sondern tingele! Watt denn? Wie bisher käme normalerweise jede(r) zu uns ins Theater, mit dem Unterschied: Wir müssten ihn bloß über eine „Stufe“, die besagte Schwelle von zwölf Zentimetern heben, nicht wie bisher vom Trottoir eine Stufe in den Windfang, von da drei Stufen ins Foyer und dann sogar noch eine Treppe mit 14 Stufen ins studio.

Wenn jetzt die Sonne nicht so schön scheinen würde, und wenn ich mich nicht jetzt voller Vorfreude auf die allerletzte – hey Leute: ausverkaufte!  – Vorstellung im alten Domizil vorbereiten müsste, würde ich weiter schildern, was St. Bürokratius  an Auflagen noch alles in petto hat, um den Spielbetrieb in einem  Theater mit 66  Plätzen zu erlauben (?) – dann würd ich noch schreiben über Brandlasten, F90-Wände, T30-Türen, schwer entflammbare Vorhangstoffe, Feuerlöscher, Schankgenehmigungen, Lüftungsschächte und -klappen, Rohrabschottungen, Steckdosen in Schallschutzwänden … Ich würde schreiben über die Bedenken der anderen Eigentümer im Haus bezüglich der Schallschutzmaßnahmen zur Gewährleistung der (Zitat:) „Nachtruhe der darüber befindlichen Schlafräume“ (wegen der Orkan-artigen Beifalllsstürme?), über das Ablösen von Stellplätzen, über die in einer Verordnung erstarrende  geschmäcklerische Ansicht einer Dame im Bauamt… Ich würde schreiben …

Nein, die Chefin macht einen Sketch draus. Den bringt sie zur Neueröffnung – falls es zu einer Neueröffnung kommt.

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