Standup-Cabrio in der Wundertüte


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(Gastbeitrag von Bernd Rindle) Wenn das Theater Neu-Ulm seine „Wundertüte“ öffnet, wird der Name zum Programm. Zumal es verwundert, wie bunt und breit die Kleinkunstszene mittlerweile ist, die sich immer donnerstags auf der Bühne präsentiert. Aktuell gastierte dort eine junge Stand-up-Comedy-Truppe aus Ulm – und hat dabei durchaus überrascht.

Angesichts der obwaltenden Zotenkönige Mario Barth und Cindy von Marzahn, deren Darbietungen regelmäßig ein Spannungsfeld zwischen Sekundenschlaf und Fremdschämen erzeugen, ist es kein leichtes Unterfangen, mit Ironie und satirischen Anklängen beim Publikum zu punkten. Umso erfreulicher, dass es der Comedy-Truppe um Joannis Vamvakas zumindest größtenteils gelungen ist, das Reich des pubertären Herrenwitzes zu verlassen.

Allein der Verzicht auf übertriebene Gesten und hektische Veitstänze auf der Bühne erwies sich als ebenso wohltuend, wie das Ansinnen, tunlichst auf Schenkelklatscher zu verzichten, was indessen nicht immer gelang. Dafür beschäftigte sich das Ensemble, das kürzlich noch als „Cabrio-Theater“ Bühnenerfahrung in der Kulturfahrschule sammelte, mehr mit gesellschaftlichen Themen als auf den ausgetretenen zwischenmenschlichen Pfaden zu wandeln.

Während sich Tobias Geyer mit der Sinnhaftigkeit rhetorischer Floskeln beschäftigte („Na, auch schon da?“) und Menschen, die zu dumm für die Wissenschaft seien, empfahl, „es doch mit Religion zu probieren“, suchte Christa Mayerhofer im Mülleimer die positiven Seiten der neuen Armut, was sie als „Food Diving“ zeitgerecht verklärte. Was, wie sie meinte, immer noch besser sei, als nach 14 Semestern Geisteswissenschaften bei der Zeitung auf Honorarbasis zu arbeiten.

Als endlich vom „unverbesserlichen Optimismus“ geheilt präsentierte sich Simon Weyh, der fürderhin „ja zur Krise“ sage und nur noch eine Frage habe: „Was, wenn der Wähler ein Gedächtnis hätte?“

Darauf eine Antwort zu geben, vermochte Joannis Vamvakas auch nicht. Dafür bedauerte der Ulmer mit griechischem Migrationshintergrund die Schwaben, die lediglich eine kulturelle Identität hätten und deshalb obendrein in der Minderheit seien.

Der großen Mehrheit der Besucher hat der Comedy-Abend unüberhörbar gefallen, auch wenn noch nicht alles rund lief und mancher Witz besser nicht erzählt worden wäre. Immerhin gaben die Comedians Kritikern noch einen Rat mit auf den Weg: „Wenn es euch nicht gefallen hat, dann schickt uns eure Feinde vorbei.“

Doch die sollten lieber in den „Quatsch Comedy Club“ gehen – dafür hat die Ulmer Truppe zuviel Potenzial.

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