Mann, Frau, Goldfisch – die alte Dreieckskiste


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„Die geheimen Leben von Henry und Alice“ ist zwar eine englische Komödie mit den dafür typischen schnellen und witzigen Wortwechseln, aber: Henry und Alice könnten genauso gut Herbert und Edith heißen, und sie könnten statt in Fulham genauso gut in Günzburg oder Lonsee, ach, einfach überall auf der Welt leben. Aber halt: Leben? Das ist ja das Thema: Henry und Alice leben seit 20 Jahren allenfalls nebeneinander her, aneinander vorbei. Sprachlos, emotionslos – eher schon leblos. Sie haben als Kind-Ersatz – einen Goldfisch. Der ist so mickrig wie Alltag der beiden und heißt dennoch Orca, dabei schwimmt er, Goldfisch eben, immer im Kreis, immer im Kreis.

Wenn Henry und Alice ihrer Alltagsroutine entkommen wollen, ihrem Dasein als vor dem Fernseher verschrumpelnden Kartoffeln, dann müssen sie sich ihre „geheimen Welten“ erfinden, müssen flüchten in ihre jeweiligen Tagträume. In denen geht aber die Luzy ab.
Daran hat das Publikum dann sicher seine helle Freude, wird sich aber auch schon bei den verbalen, stark an Loriot erinnernden Scharmützeln der beiden sicher amüsieren – und wie bei Loriot entweder sagen: Hat der Autor bei uns an der Tür gelauscht? Oder: Zum Glück läuft es bei uns nicht so schräg. Und am Ende erlebt das Publikum, wie Henry und Alice einen Weg aus der Misere finden, sozusagen aus ihrem Goldfischglas springen und ihr Leben retten.
Inszeniert hat die Chose Co-Theaterleiter Heinz Koch, mit Rat und Tat unterstützt von der Theaterchefin Claudia Riese. Sie hat auch in bewährter Manier eine den schnellen Szenenwechseln dienliche Bühne geschaffen, welche Schauplätze zitiert, aber den Zuschauer(inne)n genügend Raum für die eigene Phantasie lässt. Aufwändiger als üblicherweise im Theater Neu-Ulm sind Licht- und Tontechnik, mit deren Hilfe es dem Publikum erleichtert wird, die Übergänge von Tag und Traum nachzuvollziehen.
Mit Gabriele Witter, zum ersten Mal im Theater Neu-Ulm, und Holger Menzel, der bereits in etlichen Produktionen bei uns zu erleben war, agieren zwei Gäste, denen einiges abverlangt wird: mordsmäßige Spielfreude, blitzschnelles Umschalten, rascher Rollentausch. Da werden Szenen sozusagen „geschnitten“ wie im Film, ansatzlos, praktisch auf Fingerschnipp. Figuren müssen von der einen Sekunde zur anderen glaubhaft gemacht werden so wie einzelne Bilder in einem Comic. Einige Passagen müssen mit absoluter Leichtigkeit runtergespielt werden, ohne Sentiment, cool und secco. Aber beide Darsteller ringen dann auch wieder an besonders markanten Stellen um Tiefgang und provozieren Nachdenklichkeit. Insgesamt ein sehenswerter Mix an Darstellungskunst und eine weit mehr als nur solide zu nennende Leistung.
David Tristram, der diese Komödie verfasst hat, ist einer der meistgespielten englischen Theater-Autoren. Er hat auch die Drehbücher für sitcoms verfasst, wobei es im Theater nicht notwendig ist, Lacher aus der Konserve einzuspielen, weil das Publikum genügend Reaktionen beisteuert.
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