Unser WIG: Gutes Theater machen


Macher sollten zwingend reflektieren, was sie machen. Auch Theater-Macher*innen. Theater kann man nicht einfach so vor sich hin machen. Helmut Mauró  rezensiert im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung (6. Juni 2018) die Anfang März erschienene Biografie der Ruth Hellberg und schreibt da unter anderem: Anlässlich des Todes der Hellberg (2001) hätten die Feuilletons gestaunt „über diese Schauspielerin, die fast ein Jahrhundert lang, durch zwei Weltkriege hindurch und in die neue Republik hinein nichts als Theater spielte und Fratzen schnitt und Texte aufsagte, als wären es ihre eigenen.“ Das machte sie wohl. Sie war Schauspielerin. Schauspielerinnen wie Ruth Hellberg, die unter anderem (mehr hier) unter Max Reinhardt spielte, bei Gustaf Gründgens wohnte, in Pamela Wedekind verliebt war und Brecht gut kannte, (selbst) solche Schauspielerinnen (und Schauspieler) schneiden beim Spielen auf Bühnen Fratzen und sagen Texte, (hoffentlich so) als wären es ihre eigenen. Theater -Macher*innen haben es da nicht so einfach.

Ich werde manchmal gefragt und frage mich oft: „Und? Was ist Dein Ziel?“ Als Theatermacher? Das hebt sich als Frage

kunst-warum

nicht wesentlich von dem ab, was andere Macher gefragt werden. Manager werden das gefragt. Unternehmer. Alle, die irgendwo an irgendeiner Spitze stehen, in Organisationen, Vereinen, sonstigen Gruppierungen, in denen Menschen sich zusammengetan haben. Die Fragen nach dem Ziel, nach der Idee, der Philosophie ist meistens verknüpft mit der Frage nach der Strategie.

Thomas Blubacher erzählt eine wechselvolle Schauspielerinnen-Biographie: »Ich jammere nicht, ich schimpfe«. Ruth Hellberg: Ein Jahrhundert Theater, Verlag Wallstein; Auflage: 1 (5. März 2018), ISBN-10: 3835332546

Was sagst Du da als Kreativer, als selbständiger Theater-Macher auf die Frage nach dem Ziel Deines Theater-Machens?

„Ich will Theater machen“? – „Ich will gutes Theater machen“?

Wäre das ausreichend? Als Ziel? Oder wäre das nur ne Binse? Kann man Jahrzehnte Theater machen, ohne Ziel?  Ohne erklärtes / formuliertes Ziel? Ach, übrigens: Was ist GUTES Theater? Anders gefragt: Was hält einen freien Theatermacher bei der Stange? Eher Materielles oder eher Ideelleres? Selbst Outsider können diese Frage beantworten, ohne fünf Finger zu Hilfe nehmen zu müssen, geschweige denn einen Taschenrechner:

Vom Materiellen her kann die Motivation niemals groß sein. Also braucht es, um viele Jahre Theater-Macherei durchhalten zu können, intrinsische Motivation. Das heißt: Der (Theater-)Macher handelt eben nicht aus externen (monetären, materiellen) Anreizen heraus, sondern ohne zusätzliche Belohnungen von außen, „einfach“,  weil ihm das, was für ihn im Theater-Machen  selbst liegt, Flow-Erleben bringt, Erfüllung, Freude.

Quellen intrinsischer Motivation

  • Interne Prozessmotivation: eine Aufgabe wird um ihrer selbst Willen erledigt. Man erkennt den Sinn der Tätigkeit, hat Spaß daran und ist weder unter- noch überfordert.
  • Internes Selbstverständnis: jeder Mensch besitzt subjektive Werte und Ideale, an denen er seine Handlungen ausrichtet.  …  Das interne Selbstverständnis spricht besonders das Grundmotiv der Leistung an.

(Quelle: http://www.lernpsychologie.net/motivation/intrinsische-motivation)

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Also: Das „Wildly Important Goal“ (WIG) des Theater-Machers: Gutes Theater. Gut ist ein qualifizierendes Verb. Allerdings doch sehr schwammig. Oder? Wenn der Theater-Macher auf das gute Theater abzielt, wenn er darauf absolut fokussiert, muss er mit sich selbst noch ausmachen, was sein internes Selbstverständnis ist, an welchen subjektiven Werten und Idealen er sein Theater-Machen ausrichtet. Es hilft ihm gar nichts, sich an irgendetwas außerhalb zu orientieren, sich nach dem zu richten, was womöglich woanders (überall) en vogue ist – oder was womöglich vom Deutschen Bühnenverein propagiert wird (Siehe links –  Ausriss aus der Augsburger Allgemeine vom Samstag, 9. Juni 2018). Schon gar nicht darf er auf Feuilletonisten oder auf (Hölle, Hölle, Hölle) lokale Auguren in politischen Gremien oder Verwaltungen  hören. Eine intrinsische Motivation geht dabei immer flöten. Und mangels internen Selbstverständnisses wird oktroyiertes (aufgezwungenes / abverlangtes) Handeln der Beginn des Scheiterns sein.

Sean Covey, Jim Huling, Chris McChesney, Andreas Maron: „Die 4 Disziplinen der Umsetzung. Strategien sicher umsetzen und Ziele erfolgreich erreichen“ –  Redline Verlag, München, 2. Auflage 2017, Übersetzung Almuth Braun – ISBN Print 978-3-86881-622-8 – ISBN EBook (PDF) 978-3-86414-879-8

Kommen wir nochmals auf die Rezension der Hellberg-Biografie zurück: Der SZ-Autor Helmut Mauró schreibt da unter anderem, nachdem er erwähnt hatte, dass die Hellberg eine Psychiatrie-Anstalt von innen kennenlernen musste:

„Die Zeiten waren so, dass es einen zerriss. Wie soll man während der Hitlerzeit seine Familie schauspielernd ernähren, ohne sich zu arrangieren, während die Stiefmutter nach Auschwitz gebracht wird? Da muss der Eskapismus (Anm,. d. Säzzers: Eskapismus, auch Realitätsflucht, Wirklichkeitsflucht oder Weltflucht) schon so sehr Routine geworden sein, dass man ihn nicht mehr wahrnimmt. Eine Kulisse, die einen Wald darstellt, sei ihr lieber als der Wald selbst, sagte sie in einem Interview. Sie brauche den Wald nicht, die Kulisse liebe sie, mehr als das Original.“

Und dann fügt Mauró hinzu: „Mehr Theaterliebe geht nicht, …“

??? Ist das – womögliche totale – Theaterliebe? Fortschreitenden Eskapismus anstreben? Elfenbeinturm bewohnen wollen? Realitätsflucht, Wirklichkeitsflucht oder Weltflucht ist für mich alles andere als eine Basis für GUTES Theater. Der Elfenbeinturm kann keine Künstler-Behausung sein, er ist nichts besser als das Biedermeier-Boudoir.

Bleibt weiterhin die Frage: „Was ist GUTES Theater?“ Wer definiert gut und schlecht? Wenn ein Theater-Macher es als sein WIG ansehen will, auf das er fokussiert sein will, muss er sich fragen und muss er suchen nach dem Internen Selbstverständnis, nach den  subjektiven Werten und Idealen, an denen er seine Handlungen ausrichtet. Da ist doch letztlich das Grundmotiv seines Theate-Machens zu finden.

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Gut gestaltete Plastik „Bergbauernpaar“ von Heidi Leitner, Terenten, Alto Altige

Wie lautete der erste Satz? Macher sollten zwingend reflektieren, was sie machen. Und wir waren uns einig. Auch Theater-Macher sollten das tun. Immer mal wieder. Die Zeiten sind so, dass Theater-Macher gerade wieder vermehrt ihr Tun und Machen reflektieren müssen. Und es wird immer schwerer, da „GUT“ zu definieren. Ihr könnt ja im Kommentar mal kundtun, was Ihr unter „GUTES“ Theater versteht. Wir haben natürlich auch eine Vorstellung von „GUTEM“ Theater. Und DAS wollen wir machen. Das ist unser WIG. Und wir bilden uns ein, inzwischen sehr brauchbare Hebel gefunden zu haben, mit denen wir unser „Wildly Important Goal“ erreichen:

  • Tolle Stücke auswählen
  • Sehr sorgfältig casten
  • äußerst streng proben
  • nicht beim Erreichten verharren

Im Wirbel des Theater-Alltags haben wir diese Hebel nicht immer so ganz konsequent anwenden können. Grundsätzlich fehlt auch fürs optimale Erreichen des WIG „GUTES Theater“ die materielle Basis – aber … (Fortsetzung folgt)

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