Mind the Gap – und die tolle Rolle guten Theaters


Das Publikum will gutes Theater sehen. Wir wollen gutes Theater machen. Alles klar! Alles klar? Schauen wir doch mal auf die aktuelle Diskussion zum Thema Film-Oscars. Da soll ja einiges reformiert werden. Aber: Oscars sollen auch in Zukunft verliehen werden. Im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung vom 10. August 2018 findet sich dazu eine kommentierende Betrachtung von Jürgen Schmieder, die im folgenden Gedanken gipfelt:

„Wer nicht Filmwissenschaft studiert oder den Großteil seiner Abende im Kino verbringt, der hat beim Betrachten der (bereits auf zehn erhöhten) nominierten Filme vielleicht schon mal festgestellt, dass er von den meisten noch nie etwas gehört hat. Das führte immer wieder zur entscheidenden Frage über die Vergabe von Preisen in der Kunst: Was ist das eigentlich, ein guter Film? Und wer bestimmt überhaupt, was ein guter Film ist?“

Tja, DIE Frage haben wir von Anfang an auch in Bezug auf die Theater-Kunst  gestellt, in der Sitzung der Gruppe Privattheater im Deutschen Bühnenverein, in welcher der Theaterpreis „Faust“ aus der Taufe gehoben wurde.

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Aber die Frage „Was ist das eigentlich, gutes Theater? Und wer bestimmt überhaupt, was guter Theater ist?“ stellt sich ja nun täglich auch für den Theatermacher. Sofern er selbstkritisch ist und Lust hat, sein Schaffen zu reflektieren.

Außerdem sieht er sich im Grunde permanent konfrontiert mit Beobachtern, welche selbstsicher und überzeugt sind, sie könnten beurteilen und bestimmen, was gutes Theater ist. Dabei haben sie praktisch nie ihre Maßstäbe transparent gemacht. Und wenn sie ihre „Weisheiten“ in Schriftform gegossen haben, waren sie leicht als reichlich Nichtsahnende zu decrouvieren.

Davon abgesehen: Ich habe als mein „Wildly important Goal“ (WIG) festgelegt: Gutes Theater machen und dabei viel Publikum erreichen.

Ehrgeizig! Und erklärungsbedürftig.

emcke-theaterIch lasse beiseite, was andere als gutes Theater ansehen. Ich folge im Bestreben, gutes Theater zu machen, einem Gedanken von Dagmar Leupold, die in einem „Freitext“ unter dem Titel „Mut zur Lücke“ (zeit-online vom 19. Juni 2018) DEN (aus meiner Sicht ultimativen) Vorschlag macht

„zur Wiederauferstehung der Vernunft: innehalten, nachdenken, mündig werden“.

Der ganze lesenswerte Text hier, Daraus eine kurze Passage:

„Gestalterische Prozesse sind Denk- und Abstraktionsprozesse: Die Mahnung mind the gap bedeutet im alltäglichen Gebrauch, dass man beim Ein- oder Aussteigen, also bei Übergängen von einer in die andere Sphäre, auf die Lücke achten sollte, die sich zur Bahnsteigkante auftut. Es muss folglich einen kurzen Moment des Innehaltens geben, bevor man den nächsten Schritt macht, bevor etwas überwunden wird. Im politischen und kulturellen Kontext bekommt die Mahnung eine metaphorische Bedeutung: gewähre, bedenke einen Abstand, eine Differenz, und nutze sie – als Denkpause, als räumlich-mentale Distanzierung.“

FB_IMG_1448697354887Alles klar? Mein idealer Theatermacher nimmt in diesemSinne das Publikum mit. Sein Inszenieren impliziert Denk- und Abstraktionsprozesse. Im Ergebnis fordert er sozusagen die Zuschauenden auf, aus dem Alltag, aus ihren Denk- und Sehgewohnheiten, aus ihrer Routine aus- und in neue Welten einzusteigen. Sie sollen neue Perspektiven gewinnen, die Welt aus anderen Blickwinkeln betrachten, sollen innehalten, (nach)denken. Auf Dauer sollen sie: mündig(er) werden. Dazu nochmals die „Freitext“erin Leupold:

„Die Mündigkeit der Kunstschaffenden auf der einen Seite und der Rezipienten auf der anderen zeigt sich im Wissen um die Funktion von Kunst und Kultur als unersetzliches Wahrnehmungskorrektiv und als Instanz der Selbstreflexion vitaler demokratischer Gesellschaften.“

bildung.jpegEin hoher Anspruch, was? Zu hoch? Nein! Ich finde es absolut lohnend, danach zu streben, absolut lohnend, dieser Art guten Theaters möglichst nahe zu kommen. Dabei soll die Theatermacherei soviel Spaß machen wie das spätere Anschauen des Resultats. Auf welche Weise dieses Ziel womöglich zu erreichen ist – darüber später mehr. Ich erinnere aber schon mal hier die „Hebel“, mit deren Hilfe das WIG angestrebt und realisiert werden soll / kann:

  • Tolle Stücke auswählen
  • Sehr sorgfältig casten
  • äußerst streng proben
  • nicht beim Erreichten verharren

Hier könnte sich anschließen die Überlegung:

Wie frei ist die Kunst in einer Welt der Verbote?

 

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