Die Anfänge des Mitspiels


„Muss ich da mitspielen?“ So lautet oft die ängstliche Frage, wenn Newcomern unter den Theaterbesucher*innen Plätze in der ersten Reihe angeboten werden. Berechtigt. War es doch eine zeitlang Mode, Publikum auf die Bühne zu zerren oder anderweitig einzubeziehen. Spätestens nachdem das Fernsehen (und einige besonders freche „Künstler“) das nachgeäfft und dabei allzu oft Menschen bloßgestellt hatten, haben wir uns von solchen Praktiken ausdrücklich distanziert. Dabei waren wir mal Mitglieder des Ensembles, welches die Publikumsspiele erfunden hatte, in denen wir allerdings ausgesprochen respektvoll mit dem Publikum umgegangen sind. Geblieben ist: unser stetiges künstlerisches Bestreben nahe am Publikum zu sein, an seiner Erfahrungswelt, an dem, was d‘ Leut‘ im Parkett bewegt.

Dabei halten wir es einerseits mit Franca Rame, die sagt:

„Wir glauben, dass Klagen falsch ist. Du weinst, gehst traurig nach Hause, sagst: Wie hab ich schön geweint, und schläfst erleichtert ein. Nein wir wollen euch zum Lachen bringen Es öffnet sich nicht nur der Mund beim Lachen, sondern das Gehirn. Und ins Gehirn können die Nägel der Vernunft eintreten.“

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Franca Rame und Dario Fo

und andererseits mit Dario Fo:

„Wahres Volkstheater ist immer lustig, auch wenn es ernste Themen behan­delt. Die Satire ist die Waffe des Volkes, sie ist der höchste Ausdruck des Zweifels, die wichtigste Hilfe der Vernunft. Wenn man politisches Theater schreiben will, darf man nicht Essays und Kommentare schreiben, sondern man muss unterhaltend sein, sonst dient man weder dem Theater noch der Politik. Von allen Theater­ formen ist die Komödie die effektiv­ste. Eine Tragödie zielt auf das Herz und auf die Tränen, aber wenn die vergossen sind, ist die Wirkung vor­ bei. Eine Komödie dagegen funktio­niert über das Lachen und das Erkennen, also über den Kopf, damit kann man mehr und Nachhaltigeres bewirken, als mit einer abstrakten Katharsis.“

Gut. Damit aber die Sache mit den ernsthaften Mitspielen, die nix zu tun haben mit allzu oft gebotenen Albernheiten (EIN Beispiel), nicht ganz in allgemeiner Theater-Amnesie untergeht, sei hier dokumentiert eine einschlägige Passage aus dem (vergriffenen) Werk des  Kultur-Journalisten Hans Daiber: „Deutsches Theater seit 1945. Bundesrepublik Deutschland, Deutsche Demokratische Republiku, Österreich, Schweiz“ (Reclam – I. Auflage – Stuttgart 1976,  ISBN 3-15-010259-6)

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Wer da nachliest, wird unschwer feststellen, dass einigem heute Hochgelobtem letztlich etwas Epigonales anhaftet. Nix für ungut.

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Im November 1962 machte Paul Pörtner den ersten Versuch, das Publikum mitspie­len zu lassen. „Mitspiel“ ist ein Ausdruck von Claus Bremer nach einer Idee von Seilner, dessen Dramaturg er 1952 bis 1961 gewesen ist: Man solle Autoren anregen, Stücke zu schreiben, deren Ablauf nicht festgelegt ist. In Ulm, wo Bremer inzwi­schen Dramaturg war, kam es zum ersten abendfüllenden Mitspiel: Scherenschnitt. Das Publikum sollte helfen, einen Mord aufzuklären. Das blieb das günstigste Mo­dell. Pörtner griff im Frühjahr 1975 in Essen darauf zurück. Dort hieß es Polizei­stunde. Die wohl unvermeidliche Schlichtheit und Bravheit der Grundsituationen verhinderte größere Gemütsbewegungen und tiefere Einsichten. Pörtner meinte selbst: „Es sollte nicht beim >bloß Spielerischem bleiben, sondern zu einer Selbst­darstellung aller Beteiligten kommen.“

Ein gewisses Mitmachen – Abstimmung über den Fortgang der Show – gab es auch in Kyldex, dem „kybernetisch-luminodynamischen Experiment“ der Harnburger Staatsoper, von dem schon die Rede gewesen ist. Jedem Zuschauer standen fünf Kellen verschiedener Form und Farbe zur Verfügung, mit denen er nach jeder Sequenz Erklärung, Beschleunigung, Verlangsamung, Wiederholung und Halt for­dern konnte. Entschieden wurde nach Mehrheit. Als die Mehrheit die langsame Wiederholung eines Striptease verlangt hatte, der dann langweilte und Protest auslöste, griff der Hausherr Liebermann ein: „Das ist ungerecht, meine Lieben . . . Sie selbst wollten dieses langsame Tempo, das es der Dame äußerst schwer­macht . . .“

wand

Die ULMER WAND stand (und steht) real da – steingewordenes signum für die unsichtbare Wand, an die man für gewöhnlich all‘ seine guten Ideen hinspricht, ohne dass das irgendetwas bewirkt. „Du willst Dich über mangelndes Engagement gegen die Erderhitzung beklagen? Geh an die Wand und schrei ihr Deinen Beschwer entgegen!“

Weiter als Paul Pörtners „Mitspiele“ führen spektakuläre Einfalle von Theodor Dentler, dessen „Theater in der Westentasche“ (seit 1963 in Blaubeuren, seit 1971 in Laupheim, seit 1973 in Ulm) dadurch auffällig wurde. Nach einem vergeblichen Versuch, die (1950) gegründete Wandertruppe in Mannheim als Kellertheater mit literarischen Programmen durchzusetzen (1958—63), nach geglückten Versuchen, mit

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lockernden Debattier-Pausen in Ugo Bertis Drama Die Ziegeninsel („Wie könnte das Stück weitergehen?“) kam es zu einem ersten Spiel mit den Zuschauern: „Onkel Otto hat Geburtstag“. Die Besucher kamen ins Theater wie zum Geburtstag, mit Blumen, Kuchen, Familienfotos; einer von ihnen erschien verabredungsgemäß als Onkel Otto.

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Das Titelbild zur Eigenpublikation zeigt eine Szene des „längsten Theaterstücks der Welt“, es säen (von links) : Elfie Haas, Christiane Peinert, Theodor „Theo“ Dentler.

Im Jahre 1971 folgte das „längste Theaterstück der Welt“: „Wir bebauen auf der Schwäbischen Alb einen Acker“. Dentler hatte ein Feld gepachtet, das er, teils che­misch, teils biologisch gedüngt, gestückelt in Parzellen ä 2 Quadratmeter an Inter­essenten weitergab. Die Städter wurden mit einer dörflichen Blaskapelle zu ihren Beeten geleitet, in einer (noch nicht anderweitig benutzten) Latrine an die Landluft gewöhnt, Schulkinder sagten Gedichte auf. Im Laufe des Sommers machte jeder Pächter mit seinem „Stückle“, was ihm passte, mancher ließ es verunkrauten, die Bauern begleiteten das Unternehmen mit guten Lehren und bösen Bemerkungen, man feierte gemeinsam Erntedankfest, und bei den Gesprächen mit Nachbarn auf dem Acker und im Wirtshaus bekam die Aktion für Mitmacher und Beobachter Sinn. Im Sommer 1972 bot Dentler Interessenten Gelegenheit, in einem unbenutzten Ge­fängnis 24 Stunden lang unter realen Haftbedingungen einzusitzen (und hinterher darüber zu reden). 1973 wurde eine spaßhafte Röntgen-Reihenuntersuchung durch­geführt, Dentler trat im weißen Kittel mit Rezeptblock auf, den Patienten wurden Röntgenbilder präsentiert: Stacheldraht ums Herz oder einen Nagel in der Brust, Hände vorm Hirn. Wie schon im Gefängnis wurde unversehens aus Spiel Ernst, Leute ließen sich erschüttern, legten Bekenntnisse ab, mussten beruhigt werden und bekamen kleine Aufgaben „verschrieben“: harmlose Auffälligkeiten in der Öffent­lichkeit zu verüben.

sklaven

Höhepunkt dieser öffentlichen Aktionen waren die „Sklavenmärkte“ auf dem  Münsterplatz, zu dem sich jeweils zweitausend Schaulustige einfanden. Es wurden zweimal je 25 interessante Unbekannte „verkauft“ zu Preisen von 5 bis 85 Mark. Die Sklaven wurden gefesselt und gestempelt vorgeführt. Die Käufer wurden ver­traglich verpflichtet, mit ihren Sklaven über die Sklaverei zu diskutieren und sie sauber und wohlbehalten nach 24 Stunden zurückzugeben.

Dentler feierte seine eigene Beerdigung, gründete eine Narrenfachhochschule, ver­pflichtete sich, in anderthalb Stunden sein Publikum fünfzigmal zum schallenden Lachen zu bringen oder jedem ein Glas Sekt zu spendieren. (Er gewann von fünf­zehn „Lachwettstreiten“ acht.) Außerdem wird fünfmal wöchentlich „normal“ Theater gespielt, davon dreimal im Stammquartier, einem ehemaligen Ladenlokal.

„Kollektive Begeisterung, Ablehnung oder was sonst zwischen diesen Extremen liegt, war uns einfach zu wenig. Wir wurden in unserem Bemühen umso hart­näckiger, je mehr die Massenmedien und die großen Theater sich mit Kollektiv­antworten zufriedengaben: die einen, weil das Übergewicht der Technik sie dazu zwang, die andern, weil sie immer mehr die Fähigkeit verlieren, ihr Publikum sensibler anzusprechen. Auf diesem Weg fanden wir unseren eigentlichen Spielpart­ner im Publikum, das mitverantwortlich dafür ist, wie sich die Publikumsspiele entwickeln. Jedes unserer Spiele ist ein Gespräch mit ihm-“ (Christiane Peinert)

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Es gab dann nach Erscheinen des Buches noch etliche Aufsehen erregende Publikumsspiele und andere damals innovative Ansätze wie das „Monatsmagazin“ (bei dessen zweiter Ausgabe die Idee von „Theaterbesuch auf Krankenschein“ geboren wurde) oder dann später bei uns im (AuGuS-)Theater Neu-Ulm beispielsweise die „Ohne Netz ….“-Abende.

krankenschein

friedens-hindernis

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