Maulen angesichts der Schlaumeierei


Wieder neu entdeckt: Wir Theatermacher*innen sind mindestens so schlau wie die weitaus (weitaus) höher dotierten „Kultur“-Minister. Aber: Was wir an guten Ideen und Konzepten zu deren Realisation haben, wird von den Hochdotierten unter wiederholtem Ableiern wohlfeiler Lobes-Litaneien abgeblockt. Ein paar Befehle zum Öffnen haben sie laut Artikel (>>> hier <<< zum Nachlesen ) in der Süddeutschen Zeitung vom 19 Mai 2020 allerdings schon parat.

Jetzt müssen wir nur noch auf die hochmögende Erlaubnis warten, nach ihrer Pfeife tanzen zu dürfen. Bis dahin gilt das Berufsverbot für Theatermacher*innen. Alle Bemühungen, von Zuständigen zu erfahren, wann das Verbot der Ausübung des Berufes aufgehoben sein wird, laufen ins Leere, weil man zum Beispiel bei Anrufen nur auf Menschen trifft, die gerade in einer Besprechung sind, und ihr Versprechen eines Rückrufs nicht einhalten.

Was da an heißer Luft aus den ministeriellen Schreibstuben entweicht, kulminiert in diesen lächerlichen Empfehlungen (Zitat aus dem SZ-Artikel): „Empfohlen wird ihnen die ‚möglichst zügige Wiederaufnahme des Probebetriebs …, um die Zeit bis zur geplanten Wiederaufnahme des Spielbetriebs nach der Sommerpause für notwendige Vorbereitungen und Neukonzeptionen zu nutzen.‘ Als erstes seien ‚kleinformatige Darbietungen sowohl in geschlossenen Räumlichkeiten als auch im Freien‘ denkbar. Auch sonst werden ‚Freiluftaufführungen‘ und ‚Formate in kleinerer Besetzung‘ empfohlen oder ‚Mehrfachaufführungen kürzerer Programme‘.

An und Pfürsich fallen einem da nur sarkastisch-lakonische Kurzkommentare ein. Das zeugt nämlich von derartiger Praxisferne … und erinnert an völlig neben der Kappe klingende Vorschläge, die von sich oberschlau gebenden Football-Verbands-Funktionären den angeschlossenen Vereinen zum Trainingsbetrieb unter Corona-Auflagen dekretiert wurden. Da lachte sich beim Lesen sogar das Catering-Personal schlapp.

Aber im Ernst, um etwas sachlicher zu reagieren: Wer schon mal den Ärger des Publikums erlebt hat, zum Beispiel bei Ionescos „Die Unterrichtsstunde“, welche dem Titel entsprechend  nur eine Zeitstunde dauert, oder bei „Konstellationen“, einem topaktuellen Bühnengeschehen von knapp 60 Minuten Dauer, der wird sich hüten, allzu oft Programme in dieser Kürze aufzulegen und dafür womöglich die sonst üblichen Eintrittspreise zu verlangen.

Und Mehrfachaufführungen (hintereinander), also doppelt spielen heißt auch: doppelte Gagen. Haben wir an jedem Silvesterabend seit 40 Jahren gemacht, aber: bei voller Platzausnutzung und erhöhtem Eintrittsgeld. Die kleine Besetzung ist bei uns absolut nichts Außergewöhnliches. Nein, wir hatten sogar das „1. Neu-Ulmer PocketKlassiker-Festival“ organisiert, welches in eine Biennale münden sollte.

Dazu hatten wir das Editorial der offiziellen website so verfasst:

„Allenthalben leiden Stadtsäckel an Schwindsucht, ganze Nationen drohen Pleite zu gehen, da könnte man meinen: Auch die Theater müssten das Menetekel an der Wand zur Kenntnis nehmen. Stücke mit 57 Schauspielern für 57 Rollen? Nicht mehr zeitgemäß!  ‚Faust‘? Kann einer allein spielen. In fünf Minuten. Offenbachs ‚Orpheus in der Unterwelt‘? Ein Akteur und ein Musiker reichen …

Die Zeit ist reif für solche ‚Klassiker im Taschenformat‘. Ausgerechnet – oder vielmehr: bezeichnender Weise – das kleinste bayerische Profi-Theater im Deutschen Bühnenverein,  das in der Innovationsregion (!) Neu-Ulm ansässige ‚Außergewöhnliches Goethe und Schiller Theater‘ (nomen est omen), spielt nicht nur selbst Pocket-Klassiker, sondern plant für den kommenden Frühling  ein absolutes novum, nämlich das ‚1. Neu-Ulm PocketKlassiker-Festival‘.“

Man kann todsicher sein, dass wir alle Überlegungen, welche uns jetzt über die Presse erreichen, nicht nach direktem Kontakt mit Verantwortlichen auf kommunaler oder gar höherer Ebene, dass wir alle die Überlegungen spätestens seit dem 14. März angestellt haben. An dem Tag hatten wir in Übernahmen von vorauseilender Verantwortung unser Theater geschlossen. Vor diesem Schritt und erst recht nachher haben wir selbstverständlich vorausgedacht, was wir wann unter welchen Bedingungen wohl wieder machen könnten.

Mehrere Ein-Personen-Stücke haben wir im jederzeit aufnehmbaren Repertoire. Zwei davon stünden jetzt sogar gerade auf dem Spielplan, wenn er den zu verwirklichen wäre. Für den Herbst ist das nächste Solo geplant (“Bis dass Dein Tod uns scheidet”, Krimi, überall zu spielen) und wird derzeit bereits geprobt – alles ohne Empfehlungen “von oben”. Unsere Eigenproduktionen wie „Liebe & andre Katastrofen. Für Fortgeschrittene“ wäre erneut ein Knaller, wobei es ein Leichtes ist, die kabarettistischen „Blöcke“ in diesem Programm zu aktualisieren, beziehungsweise Obsoletes durch Neues zu ersetzen. Da spielen immer nur zwei aus demselben Haushalt, „Riese & Ko“, das Theatermacher-Duo.

Unsere literarischen Formate waren ursprünglich so gestrickt, dass sie zu Corona-Zeiten bei keiner Hygiene-Kontrolle beanstandet würden. Lesungen oder literarisches Kabarett, die Fünf-Minuten-Alltagsdramen von Loriot wären sicher auch Knaller. Da schütteln wir so manches aus dem Ärmel – nur: Diese Armbewegung muss erlaubt werden. Ja, wir hätten sogar Angebote, welche auch den Schulen in der heutigen Zeit unter die Arme greifen könnten, weil wir in größeren Schulräumen Partien von anderweitig nicht zu beschäftigenden Schüler*innen „notbetreuen“ könnten.

Schließen wir mal ab mit der Antwort von Thomas Ostermeier, künstlerischer Leiter und Gesellschafter der Schaubühne Berlin, auf die

Frage der BZ:
„Könnten wir nicht klüger und solidarischer werden durch diese Krise?“

Thomas Ostermeier: „Ich befürchte, dass das nicht der Fall sein wird. Mich ärgert dieser Corona-Kitsch aus den wohlsituierten Kreisen. Ich glaube nicht, dass wir nach dieser Zwangspause in einer besseren Welt mit einem gereiften Bewusstsein aufwachen. Das ist so unhistorisch gedacht, dass es mir die Zehennägel aufrollt. Die Krise wird dazu führen, dass die sozialen Gegensätze sich verschärfen. Das ist kein Grund, in eine Depression zu verfallen. Im Gegenteil. Mich jedenfalls motiviert das, in den Ring zu steigen, in den Widerspruch zu gehen und diese gesellschaftlichen Kämpfe auszutragen. So verstehe ich unseren kulturellen Auftrag. Sonst können wir uns das Theater tatsächlich sparen.“

So groß kann eine Privat-Bühne in der Provinz nicht reden, aber nur, weil in der Provinz die Gegebenheiten provinziell sind. Da kann man sich hochfliegende Gedanken und daraus resultierende künstlerische Aktivitäten sparen, wie wir nicht nur im Zusammenhang mit der „Neu-Ulmer PocketKlassiker-Biennale“ erfahren durften. Und angesichts des offiziellen “Schweigens im Walde” fahren wir vorläufig die konventionelle Schiene.

Premiere soll sein – so Corona will – Mitte September 2020 mit Marcus Jakoveljevic.

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