Allem Anfang wohnt ein Ragout inne


Derzeit bemühe ich mich, einen Kabarettabend zu erfinden. Kabarett, weil es da gelingen könnte, ein Ragout unterschiedlichster … zu fabrizieren. Diese Stückespielerei zwingt ja zum Auswendiglernen  und Internalisieren von Texten, die ein Irgendjemandin aufs geduldige Papier gepinnt hat, um dann über einen Abend dem Publikum EIN Thema vorzusetzen.

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Claudia Riese, die Scherzende, Heinz Koch, der Kyniker.

Zum Beispiel mit Schillers „Nathan der Weise“ Toleranz zu predigen. Hat schon 33 nicht geklappt – hatten doch damals alle „Eliten“ das Stück mindestens im Gymnasium gelesen, um dann doch beim Bücherverbrennen und noch schlimmeren Aktivitäten in der ersten Reihe zu sitzen.

Oder nehmen wir mal „Die Vögel“ von Aristophanes. Uraufgeführt 414 vor Christus. Die Vögel ergreifen die Macht, indem sie sich vor die Himmelslöcher legen und die vom Rauch der Opferfeuer total abhängigen Götter auszuhungern. Die Premierenfeier beschreibt Platon in „Das Gastmahl“. Die altgriechische Komödie wird heute noch gern auf die Bühne gebracht, derjenige, der damals die story ernst genommen und philosophisch konsequent zu Ende gedacht hatte, Sokrates, musste sterben, angeblich, weil er die Jugend verdarb, tatsächlich aber, weil er mit dem Hinweis aufs Sterben der Götter auch die sich mit göttlichem Auftrag legitimierenden Politiker (waren ausschließlich Männer) als Lügner bloßstellte.  

 Kabarett! In Zeiten, da sich die Menschheit (fast ausschließlich Männer) inzwischen mehr als 3000 Götter (überwiegend Männer) erfunden hat. Ich hab‘ ja nix gegen Christen, auch nicht gegen Katholiken, aber … der Aberglaube von ihrer allein seligmachenden Kirche (extra ecclesiam nulla salus) … meine Güte. Wer sich da sokratisch verhält, muss nicht nur das Fegefeuer erleiden. Es gibt derzeit Mörder (fast ausschließlich Männer), die sich auf Gott berufen, wenn jemand den von ihnen erfundenen Gott (von Göttin ist nicht zu reden) spöttelnd aufs Korn nimmt.

Überhaupt: Die Hofnarren hatten am Hofe dem Souverän gegenüber   bis zu einer gewissen Grenze Narrenfreiheit. Auch in Gesellschaften ohne Hof (Demokratien) durften SpötterInnen sich so manches erlauben, wenn die Zielpersonen irgendwie zu „den Oberen“ gehörten. Zum Beispiel: Politiker-Derblecken war/ist eine bayerische Disziplin, bei der PolitikerInnen in der ersten Reihe sitzen und sich von Kabarettisten scherzhaft, satirisch, ironisch anpfeffern lassen und angesichts der TV-Kameras gute Miene zeigen mussten/müssen.

Tatsächlich ist aber in Demokratien das Volk der Souverän. Und da wird’s schwierig fürs Kabarett. Wenn man DIESEN Souverän anschießt, geht der Schuss nach hinten los. Solche Attacken erweisen sich als Bumerang. Dieser Souverän macht selten gute Miene, wenn er merkt, dass er aufs Korn genommen wird. Im besten Falle bleibt er den Shows fern. Selbstironie ist nicht so sein Ding. Er lacht sich kaputt, wenn die Zielscheiben direkt neben ihm getroffen werden. Aber DIE visieren so richtige KabarettistInnen nicht an – es sei denn, sie heißen Lisa Eckhart.

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Gottseidank ist heute endlich mal der Fernseher kaputt – da kann man sich wenigstens mal vernünftig unterhalten.

Der Worte sind genug gewechselt. Jetzt also das Kabarett-Programm für den Saisonstart im Herbst 2021. Welches Thema? Üüüberhaupt ein Thema formulieren? Lieber ein Ragout vorlegen, einen Mix an Ingredienzien?  Holen wir uns Rat bei ollen Joehte (der in seinem „Vorspiel auf dem Theater“ zu „Faust I“ seinen Theaterdirektor verraten lässt):

„Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen;
Und jeder geht zufrieden aus dem Haus.
Gebt Ihr ein Stück, so gebt es gleich in Stücken!
Solch ein Ragout, es muss Euch glücken;
Leicht ist es vorgelegt, so leicht als ausgedacht.
Was hilft’s, wenn Ihr ein Ganzes dargebracht,
Das Publikum wird es Euch doch zerpflücken.“

Na gut. Aber nachdem man so lange aus der Übung ist, nachdem das Wirken auf der Bühne komplett untersagt war – von welcher Seite trete ich auf? Wie fang ich an? Wa sind meine ersten Worte? Und wie soll das Programm heißen?

Ich hatte ja schon mal die Idee „Heinz kocht Potpürée“ oder „Heinz kocht Potpourri“, also ein Mix aus allerlei Zutaten. In der Musik sagt man Medley. Aber das könnte Heinz ja nicht kochen. Die wahrscheinlichste Idee ist „nicht ganz dicht“. Da erwartet man eher als beim Potpourri / Potpürée einen roten Faden. Arbeitsmäßig wäre der leicht aufzuribbeln: Es gibt ja jede Menge Leute, die nicht ganz dicht sind. KünstlerInnen gehören in erster Linie dazu, obwohl gerade DIE meinen, die Weisheit mit Löffeln gefressen zu haben. Merken aber nicht, dass es nur Schaumlöffel sind.

Schaumlöffel

Andererseits passt der Titel „nicht ganz dicht“ zur Situation der Künste. Sie waren monatelang absolut ganz dicht. Das führte zu der Situation, dass 53 SchauspielerInnen (von denen nach viel Gegenwind nur noch 26 übriggeblieben sind) eine Aktion mit video-clips starteten mit dem Motto:

Zu dieser Aktion ist dermaßen viel gesagt und geschrieben worden, dass mit mit jedem weiteren Wort Spatzen nach Ulm tragen würde. Ein wenig inspiriert hat mich / uns das Motto doch, „nicht ganz dicht“ zu machen. Oder anders: Ein wenig inspiriert hat mich / uns das Motto, doch „nicht ganz dicht“ zu machen.

Wohin die Inspiration führt?

Man wird sehen. Ich habe ja noch sieben Wochen bis dahin, sieben verflixte Wochen.

PS: Jetzt juckt es mich noch, diesen Auschnitt aus Heribert Prantls Festvortrag zur Jahresversammlung 2021 der Bayerischen Akademie der Künste anzuhängen (gefunden in der Süddeutschen Zeitung vom 16. Juli 2021), der uns – wie Winfried Nerdingers Intervention – zugegebener Maßen runter ging wie Öl:

Prantl bezieht sich auf eine Aussage Winfried Nerdingers, des Präsidenten der Akademie.
Als Hintergrund aus demselben Festvortrag eine andere Stelle.:

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