„Eh ich’s vergesse…“ Memoiren eines Nobody (Fragment 11)


Ich betrachte die jetzige Situation absolut nicht als ‚Endspiel‘. Manchmal geistern Ideen um mich rum von „Underground“-Theater, von armem Theater à la Grotowski, von einem vom shutdown gebeuteltem Bügel-Brettl nach überstandenem lockdown. Es bewegt mich auch angesichts der völlig unzeitgemäßen Szenarien in den TV-Filmen die Frage: „Was denn spielen, wenn ‚alles endlich wieder vorbei‘ ist?“

Leergefegte Bühne des Theater Neu-Ulm.

Was wollen die Leute denn dann sehen, wenn ‚alles endlich wieder vorbei‘ ist? Und: Will ich das spielen, was die Leute sehen wollen, wenn ‚alles endlich wieder vorbei‘ ist? So endete Fragment 10. Und sein ultimatives Schluss-Versprechen „Den Gedankenansatz überlasse ich dann mal (Fragmente 11).“  ist nun einzuhalten.

Schnell könnte ich auf heute in der Süddeutschen Zeitung unter der Überschrift „Kulturbruch“ publizierte Vorschläge zurückgreifen. Da finde ich die unser Theater Neu-Ulm betreffende Anregung: „Theaterensembles [Anm. d. Säzzers: könnten] Solo-Abende anbieten und die Zuschauerzahl begrenzen“. Sowas hatte ich gemeint am Ende von Fragment 10 – armes Theater, Solo-Abende auf dem berüchtigten Bügelbrettl, das die Welt bedeutet. Tatsächlich haben wir Solo-Programme in petto. „Macho Man“ – sofort spielbar. War ja für den Mai eingeplant. „Bis dass Dein Tod uns scheidet“ sollte im September rauskommen. Die „Enthüllungen aus dem Kellerloch“ (Dostojewski) könnten genauso wieder aufgenommen werden wie „Das Klassentreffen“ oder „Der Alleinunterhalter“.

Claudia Riese in den Rollen der fünf Klassen-„Kameradinnen“.

Nur wann? Uns hat keiner gesagt, wir müssten zumachen. Das haben wir – mit dem Mut zu eigenen Entscheidungen und zur eigenen Verantwortung – selbständig beschlossen, vor dem allgemein verordneten shutdown. Bis heute hat sich aber noch niemand (Offizielles) um uns gesorgt, uns gefragt, wie es uns geht, ob wir support brauchen and so on. Es hat auch noch niemand gesagt, ob und wann wir wieder spielen dürfen. Sollen wir schon mal vorsorgen für bargeldloses Zahlen? Alle Vorkehrungen treffen für die berühmte App, von der gerade so viel die Rede ist, und nur noch Menschen Zutritt zum Theater gewähren, die auch an dieser Gesundheits-Überwachung teilnehmen. Sollen wir am Theatereingang Fieber messen und in der Pause Prosecco nur noch als Piccolo verkaufen, Bier ausschließlich aus der Bottle trinken lassen? Help!

Längere Zeit unmöglich? Theater-Publikum in der Pause.

Jetzt mal: Wie stellt sich die Lage derzeit dar?

Portugals „Nelken-Revolution“ ist schnell mystifiziert worden. Lieder- und Filmemacher stellen den Putsch gerne als eine etwas planlose Stegreifkomödie dar, als halb-improvisierte Aktion eines liebenswerten Häufleins von Idealisten, die auf ihrem „Marsch nach Lissabon“ angeblich sogar an roten Ampeln anhielten und vor der Festnahme von Ministern um Erlaubnis baten. Hierzulande wird gern ganz laut gerufen „Roooot!“, wenn einer es nicht einsieht, dass er bei null Verkehr weiter warten soll, bis ihm ein elektronisch gesteuertes Signal das Queren der Straße erlaubt. Gerade erlebe ich wieder eine Zeit, da eine Art Atavismus (latein: atavus = Urahn) fröhliche Urständ feiert, also ein Rückschlag zu erfolgen scheint in entwicklungsgeschichtlich als überholt geltende, nun aber unvermittelt wieder auftretende vor allem geistig-psychische Verhaltensweisen.

„Abstand halten!“, „Hände waschen!“, „Bleib daheim!“ Und alles gehorcht. Liest kein Buch auf der Parkbank.  Lässt seine (womöglich selbst gebackenen) Plätzchen zu Haus, kauft am Kiosk Limo und Snacks und futtert auf der Picknick-Decke. Allein. Oder mit einer Person aus dem gemeinsamen Haushalt.  Und der Bundesgesundheitsminister setzt in der Öffentlichkeit die Maske falsch auf. Und der Ministerpräsident quetscht sich mit dem Bundesgesundheitsminister und zu vielen anderen in einen Aufzug. Und der Bundesgesundheitsminister lobt uns mit der Bundeskanzlerin und Kabinetts-Kolleg*innen, weil wir über Ostern so brav waren. Sie selbst sind aber permanent „draußen“ unterwegs, ihr Corona-Leben unterscheidet sich gefühlt nicht groß vom „Normalleben“.

Die ominöse Aufzug-Szene.

Als wir alle noch nicht so coronalisiert waren, erfrechte sich ein Blogger in Kiel unter dem Titel „Rot ist nur die Farbe der Revolution“ in seinem Beitrag zum Verhalten im Straßenverkehr Bismarck zu zitieren mit „Der Mut zu eigenen Entscheidungen und zur eigenen Verantwortung ist in Deutschland eine rare Tugend.“ Er fügt dann an: „Vollkommen verlässt sie den Deutschen übrigens, wenn er oder sie sich eine Uniform anzieht – aber das nur nebenbei.“ Und ich füge mal an: Ein weißer Kittel erzielt denselben Effekt. Es war – das auch nur so nebenbei – diese Tatsache, die mich Anfang der 70er Jahre bewog, für eine anstehende Auseinandersetzung mit den Ärzten einer Düsseldorfer Uniklinik mich in meine Reserveoffizier-Kluft zu werfen und so auch optisch ein contra entgegenzusetzen. Ich habe gewonnen, mich gegen die „Halb-Götter in Weiß“ durchgesetzt.

 Diese Blogger-Geschichte endet mit dem Fazit: „Und noch mal – Ampeln sind ausschließlich dafür da, den Autoverkehr besser und flüssiger zu machen. Es ist nicht einzusehen, warum sich Radfahrende und zu Fuß gehende dem unterordnen sollten. Wir kommen ohne diese häufig viel besser zu Recht. Das sind zum einen Verkehrsregeln des vergangenen Jahrhunderts, und zum anderen beleidigen die realen Situationen vor Ort regelmäßig meine Intelligenz. Wer dumm und blöd an einer leeren Straße vor einem schnöden, elektronischen Schaltkreis stehen bleiben möchte, solle dies von mir aus gern tun. Aber er oder sie soll gefälligst den Bullen in sich erschießen und die Fresse halten, wenn andere das selbständige Denken noch nicht aufgegeben haben und das tun, was diese insgeheim auch gern tun würden: Selbstbestimmt und verantwortlich handeln und leben.“

Dieser Typ, dieser mündige Bürger, der ja neuerdings auch frei über seinen Tod bestimmen kann, wie das Bundesverfassungsgericht urteilte, ist DER (m / w / d) unser Publikum? Also jemand, der sich im Theater konfrontieren lässt mit anderen Sichtweisen, neuen Blickwinkeln, überraschenden Perspektiven? Der sich aussetzt der Gefahr, über das Anschauen anderer (Bühnen-)Welten weiter gedrängt zu werden zu (noch mehr) Eigeninitiative, verführt zu werden zu Innovationsbereitschaft und -fähigkeit?

Wir haben unser (in meinem Fall: langes) Leben lang in einer sich immer positiver entwickelnden Demokratie gelebt. Da gilt: Alle politischen Aktionen, welche auf das Mitwirken aller setzen, müssen einsichtig sein. Selbst bei der Bundeswehr gilt das (theoretisch jedenfalls). Da soll der Staatsbürger in Uniform seine gesetzlich festgeschriebenen soldatischen Pflichten aus Einsicht erfüllen. Und ein Befehl ist da eine Anweisung zu einem bestimmten Verhalten, den ein Vorgesetzter einem Untergebenen erteilt – mit dem Anspruch auf Gehorsam. Aber auf einen Befehlsnotstand darf sich da niemand berufen; die Befehlsempfänger*innen haben immer zu prüfen, ob erteilte Befehle überhaupt gegeben werden dürfen und womöglich nicht befolgt werden müssen oder gar dürfen. Wir sind keine Befehlsempfänger*innen.

Von daher lassen sich – vielleicht – Antworten finden auf die eingangs gestellten Fragen – ich wiederhole sie nochmals:

„Was denn spielen, wenn ‚alles endlich wieder vorbei‘ ist?“ Was wollen die Leute denn dann sehen, wenn ‚alles endlich wieder vorbei‘ ist? Und: Will ich das spielen, was die Leute sehen wollen, wenn ‚alles endlich wieder vorbei‘ ist?

Eine vorsichtige Antwort: Wir spielen, was wir wollen – und finden sogar ein Publikum, welches DAS sehen will.

Der zynische Intellektuelle in Dostojewskis „Enthüllungen aus dem Kellerloch“.

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