„Eh ich’s vergesse…“ Memoiren eines Nobody (Fragmente: 09)


Zwanzig Zentimeter unter Durschnitt groß, kaum Haare auf dem Kopf, nix Substantielles unter dem Schopf, keine Farbe im Gesicht – aber immer große Fresse! Sie wissen, wen ich meine? Falsch, das können Sie nicht mal ahnen. Er hieß (ich hab ihn aus den Augen verloren) Jürgen W. und hatte mir nen halben Zahn ausgeschlagen. Er brauchte immer mindestens zwei Sekundanten: Klaus Sch. biss mir fast die linke Brustwarze ab. Der Dritte im Trio war in der Boxabteilung unseres Sportclubs aktiv. Später hat sich Metzgersohn Jürgen W. einen Hund zugelegt. Der hat ihm ne Hasenscharte gebissen.

Wenn Sie jetzt Parallelen zu anderen Figuren ziehen wollen – es sei Ihnen unbenommen.

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„Eh ich’s vergesse … “ Memoiren eines Nobody (Fragmente 08)


woehlund1Heute Nacht (zum 15. August 2014) kam ich drauf, schoss es mir ein; ich erinnerte mich meiner frühen Jahre, meiner damaligen philosophischen Anwandlungen und „Zwillingsforschung“ (genauerer Untersuchungen zwei deutscher Staaten) und schlug mich dann diese Nacht heftig mit dem Weltgeist herum. Was dabei herauskam, gieße ich nun hier in Form.

„Frieden ist im heutigen Sprachgebrauch der allgemeine Zustand zwischen Menschen, sozialen Gruppen oder Staaten, in dem bestehende Konflikte in rechtlich festgelegten Normen ohne Gewalt ausgetragen werden. Der Begriff bezeichnet einen Zustand in der Beziehung zwischen Völkern und Staaten, der den Krieg zur Durchsetzung von Politik ausschließt.“ So definiert (die von mir wegen der mannigfachen Manipulations-Möglichkeiten und –Gefahren immerwährend eher mit kritischen Augen betrachtete) Internet-Enzyklopädie Wikipedia „Frieden„.

In der UDSSR galt eine ganz andere Definition. Da war der Marxismus-Leninismus offizielle Staats-Ideologie. Danach war Frieden uberhaupt nur in einer klassenlosen Gesellschaft möglich. Krieg war die Folge der Klassengegensätze im Kapitalismus. Wer für Frieden war oder für Frieden kämpfen wollte, musste für die Abschaffung der Klassengesellschaft sein und kämpfen, musste letztlich für Kommunismus sein und kämpfen. Jeder kommunistische Soldat war per se ein Friedenssoldat.

Russland ist zwar Nachfolger der UDSSR. In der Verfassung Russlands ist festgelegt:

Artikel 13

  1. In der Rußländischen Föderation ist die ideologische Vielfalt anerkannt.
  2. Keine Ideologie darf als staatliche oder verbindliche festgelegt werden.

Artikel 14

  1. Die Rußländische Föderation ist ein weltlicher Staat. Keine Religion darf als staatliche oder verbindlich festgelegt werden.
  2. Die religiösen Vereinigungen sind vom Staat getrennt und vor dem Gesetz gleich.

Dennoch sei die Frage erlaubt: Inwieweit ist das, was jede(r) in der UDSSR gelernt und zu vertreten hatte, in den Köpfen ausgeschaltet? Welche Chance haben Menschen, die bis – sagen wir 1989 – extrem mit der Weltanschauung des Marxismus-Leninismus indoktriniert waren, heute die Welt anders anzuschauen.

Wenn nicht mehr das Abschaffen der „Herrschaft über den Menschen durch Menschen“ sowie der „Ausbeutung des Menschen durch Menschen“ das Ziel ist, was ist dann (Lebens-) Ziel? Wie wird denn dann die Welt erklärt? Wie ist die Welt dann anzuschauen? Früher waren die Oberkapitalisten (die herrschende Klasse im Kapitalismus) die Kriegstreiber – sind sie nun „abgelöst“? Durch wen oder was? Ist der der Charakter der in Klassen geteilten Gesellschaft, ist der Kapitalismus weiterhin Ursache von Kriegen?

Wer hat heute das Kapital? Gibt es auch Kapitalisten in Russland? Ist Putin Kapitalist? Oder ist er eine Kirchenmaus? Muss Kapitalismus überall in der Welt weiter bekämpft werden? Ist Frieden erst in einer (gerechten) Welt möglich, in der alles Privateigentum (nicht nur das an den Produktionsmitteln) abgeschafft ist?

Hegel war davon ausgegangen, der Prozess der Geschichte laufe auf ein vom „Weltgeist“ vorprogrammiertes („höheres“) Ziel hinaus; dabei seien die Menschen nur Objekte („Spielbälle“). Marx wollte ja Hegel vom Kopf auf die Füße gestellt haben. Der Mensch sollte (handelndes) Subjekt sein in diesem geschichtlichen Prozess, der (im Sinne des dialektischen und historischen Materialismus) automatisch auf eine kommunistische Gesellschaft hinauslaufen werde.

Im Marxismus-Leninismus nahm dabei die Partei („hat immer recht“) eine absolut zentrale, ja: die in der Verfassung festgelegte führende Rolle ein: Die Partei „wusste“ um die Gesetzmäßigkeiten der Geschichte und war deshalb befugt und befähigt, dem Rad der Geschichte in die Speichen zu greifen und den Gang der Geschichte zu beschleunigen.

Alles zu kompliziert? In Wirklichkeit natürlich noch viel komplizierter. Und doch Staatsräson. (Nicht nur) wer Karriere machen wollte, musste den ganzen theoretischen Überbau beherrschen und musste Glauben machen, dass er daran glaubte. Jahrzehnte lang.

Und dann kam dieser G.

Auf einmal galt das alles nicht mehr?! Oder nur noch ein bisschen davon? Und was galt denn also noch und was nicht? Woran musste man jetzt glauben? Wer trat an die Stelle der immer rechthabenden Partei? War es ein rechthaberischer Präsident? Konnte die Duma tatsächlich die Kompetenz in Sachen „geschichtlicher Prozess“ vom Politbüro übernehmen? In der untergegangenen DDR zum Beispiel war zu fragen: Gelten „Die zehn Gebote der sozialistischen Moral“ noch?

Also: Was gilt überhaupt noch?

Wofür steht Russland?

Wer hat da das Sagen und – hätte auch überhaupt was zu sagen?

Kann, wer seine Spielchen spielt, angesichts dieser absoluten Umbruch- und Übergangssituation alles nur Erdenkliche treiben? Eine „bürgerliche“ Gesellschaft gibt es (noch) nicht.

Die Revolution frisst weiter ihre Kinder …

“Eh ich’s vergesse…” – Memoiren eines Nobody (Fragment 07)


DRR-Parole: Den Kapitalismus überholen, ohne ihn einzuholen. Überlegt man sich, wie das zum Beispiel bei einem 10.000-Meter-Lauf im Stadionrund realisiert werden könnte, muss man einen Regelverstoß  einbauen (einfach quer über den Platz laufen). Beim Schreiben einer Dissertation nennt man solche Vorgehensweisen schavanieren. SchavaniererInnen schreiben nicht ab, die lesen etwas und setzen sich dann nach einiger Zeit hin, um aus dem Gedächtnis etwas aufs Papier zu bringen, von dem sie selbst annehmen, es sei auf dem eigenen Mist gewachsen. Im Brustton der Überzeugung können auch Katholik(inn)en dann schwören: Ich habe nicht abgeschrieben.

Schavanieren war bis zu den 80ern des vergangenen Jahrhunderts dem Vernehmen nach usus. Doktorväter waren darauf angewiesen, dass wenigsten angegeben wurde, was gelesen worden war. Dann konnten sie die Quelle nachlesen und geklaute Stellen ausfindig machen. Mein Lateinlehrer kam mir nie auf die Schliche, weil ich einen ganz alten Cäsar-Reclam hatte, von meiner Tante, die das gute Stück auch schon antiquarisch erworben hatte.

Später, in unserer immer schneller werdenden Zeit konnte man das Gelesene nicht mehr reifen lassen; außerdem verführte der technische Fortschritt zu Neuentwicklungen, die wie das bald verfügbare Guttenplaggen Umwege übers Hirn obsolet machten. Als verhängnisvoll erwies sich aber dann: Nicht nur die Herkunft guttengeplaggter, sondern auch schavanierter Texte konnte kann ausfindig gemacht werden. Das überrascht viele noch immer. Die fragen sich weiterhin: Wie kann etwas, was 33 Jahrre lang nicht aufgefallen war, auf einmal auffliegen? Klar, wenn die Deschavanier-Maschine praktisch nur für Nerds nicht wirklich enigmatisch daherkommt.

Kleine Bemerkung am Rande: Jeder Gedanke ist ein elektrischer Impuls. Es gibt bereits Antennen, welche dieses Denken einfangen und entziffern. Ich nenne jetzt hier nicht den Namen eines Dienstes, ich vermeide schon das Denken dieses Namens – weil mein Gedanke bei der Gedanken-Polzei einen Alarm auslösen würde (der Begriff Polzei ist hier absichtlich fehlerhaft geschrieben).

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„Eh ich’s vergesse…“ – Memoiren eines Nobody (Fragment 06)


Wie, was, wo, warum?
Ich fange fasse mal so an zusammen:
Gestern schoss mir durch den Kopf: Den 70. feierst Du groß.
Heute fange ich mit dem Wort „groß“ schon nix mehr an.
Und „feiern“?
Siehe die erste Zeile dieses Fragmentes.

Wenn ich alles Mögliche auf einen Nenner bringen soll, verweise ich auf Suchmaschinen. Dem, der mich kennenlernen möchte, hilft das allerdings nicht wirklich weiter. Mit der Zeit verschwimmt doch alles. Selbst das, von dem man sicher war, dass man es genau weiß, ist möglichweise erstarrte Phantasie.

Was hat man nicht alles rationalisiert…. So manches „Fakt“ hatte man für die Um- und Nachwelt zurechtgezimmert, permanent als wahr kolportiert und schließlich sich selbst geglaubt. Bewusster fake? Unbewusst internalisiert?

Ein Detail: Für meinen Großvater kam ich zu spät. Er hatte sechs Töchter. Als die älteste dieser Töchter Mutter wurde, gebar sie ihrem Vater – eine Enkelin. Wieder ein Mädchen. Dann kam ich. Drei Wochen vorher war der Großvater gerstorben. So wird in der Familie erzählt. Ich hab’s auch immer wieder erzählt, aber nie überprüft. Dass ich nach meinem Großvater nach heftiger Intervention meines Vaters durch Hinzunahme des Namens seines Vaters einen Bindestrich-Vornamen verpasst bekam. Heinrich-Otto. Ein Nobody mit den Namen der beiden „größten deutschen Kaiser“ – so die Version meiner Mutter, die mich nie wirklich getröstet und mit dem Doppelnamen versöhnt hat.

Den 70er feier ich groß. Womöglich, wer weiß, die letzte Gelegenheit, groß zu feiern. Danach wird’s nicht mehr so groß, weil da kaum noch jemand dabei sein möchte. Gerade hab ich einen 60er hinter mir. Der war groß. Und bald kommt ein anderer 60er. Der wird groß. Beim letzten hab ich große Augen gemacht. Beim nächsten soll ich den Mund aufmachen.

Die gestaunten Bauklötze liegen inzwischen chaotisch rum. Was dem Gehege meiner Zähne entfleuchen wird – wird wohl nicht in die Sammlung großer Worte finden.

Scheiß was auf 60, 70, 80.
Carpe diem.

„Eh ich’s vergesse …“ – Memoiren eines Nobody (Fragment 05)


Dies ist jetzt nur eine Momentaufnahme. Nichts Wesentliches im Leben eine Nobody. Vielleicht waren es knapp 60 Minuten. Ich war in Kur, an einem Ort, wo ich nicht hingehöre. Ich mir immer gesagt: Ich gehöre gar nicht hierher. Aber einfach gehen und dann den ganzen Schlamassel zahle, also da hatte ich auch keinen Bock drauf.

Und wenn die Chose dann abreisst, dann hast Du oft Situtionen zu überstehen, die Du normalerweise hasst. Da sitz ich wieder und warte. Gleich kommt die Frau Doktor, Dr. Kuzmaninov, sie leitet die „Progressive Muskelentspannung  nach … weiß nicht mehr“. Das ist jetzt schon mein vorletztes Mal. Ein paar andere sind auch noch da. Ich grüß in die Runde. Nach ner Weile, die Doktorin verspätet sich wieder, quatsch ich den Nebensitzer an.

„Moin. Ich bin der Mario. Mario Béekaff. Manchmal heiße ich auch Spocky, das kommt von Spock, Mr. Spock. Du bist der … ah Werner. Wir duzen uns alle hier in „Vitalis“. Du bist neu. Hab Dich noch nie gesehen. Vielleicht interessierts’s Dich nicht, deswegen werde ich Dir mal einiges erzählen, was Du wissen musst. So nebenbei: Hier hab ich was für Dich: Ich mach heute Abend ne Dichterlesung.

Du siehst, ich hab schon ne Menge gemacht. Hätteste mir so auf Anhieb gar nicht zugetraut, was? Na schön.

Mr. Spock getauft hat mich der personal coach, den die Konzernspitze mir vor Jahren aufgedrängt hatte. Er scherzte, ich sei so eine Art Spock-Wiedergänger, womit er lustig umschreiben wollte: Ich sei skrupellos, lieblos, herzlos, kalt, irgendwie unmenschlich – typisch Businessman. Er konstatierte: fehlende Empathie, gering entwickelte emotionale Intelligenz und daraus resultierend: mangelnde soziale Kompetenz.

„Solche Manager alten Schlages können sich moderne Unternehmen heutzutage nicht mehr leisten“, sagte er. Er wolle mir helfen, das abzustellen. Ich müsse bereit sein zu kooperieren. Im Laufe unserer Kooperation hat er mir als zentrale Maßnahme kurze Filmschnipsel vorgespielt, mit Mr. Spock als abschreckendes Beispiel.

Ich fand den gar nicht abschreckend, eher faszinierend. Sachlich, tough, brainy, zielorientiert. So hatte ich mich idealisiert immer gesehen. Ich wurde dann dazu verdonnert, mir per MP3-Player die Spock-Sprüche immer wieder zu geben. Irgendwie, irgendwann haben die Spock-Sprüche mich irgendwo dann nur noch genervt. Und war erschreckt, dass ich solche Sprüche im Alltag, im Büro und zu Hause, oft abgelassen hatte.

Zum Beispiel:
„Ich finde es indiskutabel, wie Sie Ihre albernen Emotionen hier zur Schau stellen.“

Ich fing an, mich dafür zu hassen. Ich fand das nicht mehr taff, rational, sachlich und verwendete die Sprüche immer seltener. Und ich sag’s mal so: Ich wurde immer weniger spocky, verabschiedete mich innerlich und äußerlich von dem Typ Manager, den sich moderne Unternehmen heute nicht mehr leisten können, und – wurde etwa zwei Jahre nach Beginn der tatsächlich erfolgreichen Abschreckungs-Therapie verabschiedet. Meinen Job macht jetzt ein Jüngerer, nach allem, was ich höre, einer von der Sorte, die sich moderne Unternehmen heute nicht mehr leisten können. Faszinierend.

Na Werner, hast Du mir die Story jetzt geglaubt? Hier schönt jeder seine Biografie. Das wirst Du noch lernen. Mancher erzählen im Laufe der Kur mehrere höchst unterschiedliche Versionen.

Einige spinnen hier ganz schön rum. Faszinierend. Manchmal bin so platt, wie mein Mr. Spock, wenn er mal aufs Holodeck geht. Du wirst es ja selbst sehen, wenn Du dann ein paar Tage hier bist. Ich sag ja immer: Jeder spielt, wer’s weiß, ist im Vorteil. Mein Geheimtipp: Spiele Deine Rolle, aber spiele sie bewusst. Da hapert es ja weitgehend.

Nehmen Sie doch die beiden da vorne: Die sind mit mir angekommen. Die haben sich gesucht und gefunden. Seit die hier sind, kriegen die immer wieder den Koller und proben angeblich an einem Theaterstück, der eine als Diabetes und der andere als Hepatitis. Aber die haben noch mehr als nur den einen Spleen. Der Diabetes nennt sich auch gern René und der andere, ein Wiener, Sigmund. Wahrscheinlich heißt der eine Müller, Maier oder Schulze und der andere Wondraschek. Ich werd nicht ganz schlau aus denen. Angeblich haben sie früher schon mal gemeinsame Sache gemacht, waren Komplizen, in Darmstadt, glaub ich. Vielleicht sind sie auch schizophren. Oder einfach nur bekloppt. Wenn das normale Kurgäste sind, bin ich Karl der Große.“

Nachdem ich soviel erzählt hab, kriegt der Werner auch mal das Maul auf: „Sind wir nicht alle ein wenig bescheuert?“

Und wir führen das übliche Gespräch unter Fachleuten. „Klar“, sag ich. „Man darf das Leben nicht zu genau betrachten, sonst wird es unerträglich. Illusionen sind unverzichtbar. Ich werde demnächst sowas von einem Bestseller geschrieben haben… aber sowas von einem Bestseller … Es ist alles schon fertig in meinem Kopf und darüber hinaus bereits in Arbeit. Das Schwierigste ist ja immer der erste Satz. Die meisten Autoren kapitulieren davor. Schreib-Blockade. Oder neudeutsch Schreib-Bloggade, ha-ha, U now? Mein erster Satz steht, ist fix und fertig. Allein dieser Satz ist Garant für den Bestseller. Frag mich nicht, wie er lautet. Den verrat ich nicht. Wo doch heute alles geklaut wird, besonders geistiges Eigentum. Gut, nenn es Illusion. Aber: Solch ein Projekt verwirklichen zu wollen, das hält einen senkrecht. Man hat ein Ziel, bleibt fit im Kopf. Das ist sowas wie mentales Viagra.“

Fragt der Werner: „Apropos, hast Du so ein blaues Wunder schon mal ausprobiert?“

Ich bin zwar erstaunt, dass der Typ da so direkt fragt, mach dann aber das Tor auf und sage: „Hat doch jeder schon mal – oder? Es ist doch nicht mehr wie mit 20. Ich mein, man hat nicht mehr einfach mehrere Erektionen pro Stunde.“

Und er bestätigt: „Klar, das Alter, der Stress. Im allgemeinen. Job, midlife-Krise, weniger Perspektive, muss sich ja irgendwie auswirken. Männliche Wechseljahre – weshalb bin denn in Kur?“

Ich leg dann nochmal nach: „Ich meine, Sex ist ist immer irgendwo mit Stress verbunden … vor allen Dingen, wenn man funktionieren muss. Ich hab es mal auf die veränderte Lebenssituation Situation geschoben. Sowieso weniger Testosteron. Und dann muss man sich ja eingestehen: Soooo attraktiv ist man auch nicht mehr. Es gab auch mächtig Strom in den Tapeten, als ich plötzlich sozusagen den ganzen Tag zu Hause war. Ich hab ihr wohl zuviel reingeredet, wollte zu viel umkrempeln und neu organisieren. Aus meiner Sicht lief das Unternehmen Haushalt ziemlich chaotisch. Aber Lotte wollte nix wissen von meiner Projekt-Planung und supervising. Na ja, was soll’s – wir haben uns dann arrangiert, auf zwei Stockwerken, ich oben, sie Parterre. Und jetzt bin ich schon drei Wochen in Kur. Sie hat noch nicht einmal angerufen. Wenn sie ihre Katze mal nen Tag nicht sieht, dann ist das ne Katastrophe, da lamentiert und trauert sie. Mich vermisst sie nicht die Bohne. Wenn ich mal in die Kiste hüpfe, dann trauert sie einen Tag, maximal, wenn überhaupt, und gibt dann die lustige Witwe.“

Die anderen sind jetzt drin bei der „Progess-Mu-Entspa“. Wir sind in die Cafeteria gegangen. Reden beim Kaffee weiter. Fragt mich doch der Werner (in der Kur lassen alle schnell irgendwie die Arschbacken locker) ganz unverblümt. „Ja, habt Ihr denn noch Sex? Hast Du noch Sex?“

„Irgendwie – schon. Sowas wie … Aber da ist auch immer was Komisches. Ach verdammt, man weiß doch bei Frauen nie.“


Du sprichst ein großes Wort gelassen aus. Eigentlich weiß man nie, wo man dran ist bei ihnen. Man kriegt nicht mal richtig mit, ob’s ihnen gefallen hat. Je länger man eine kennt, desto weniger … Oder?“

„Gehst Du für sowas auch mal zum Arzt, Mario, auch wegen Vorsorge und so?“

„Klar, muss man ja. Aber selbst wenn Du nicht wolltest – Du kannst doch heutzutage den Fängen des medizinisch-industriellen Gesundheitswesen gar nicht mehr ausweichen. In den Innenstädten stolperst Du doch alle zehn Meter in eine Arztpraxis, in eine Tages-Klinik, in irgendein Ambulatorium. Und wenn Du meinst, Du hättest es geschafft, kommt ne Apotheke, von Optikern und Hörgeräteläden ganz zu schweigen.“

Ich überleg die ganze Zeit, in der soviel über Gesundheit rede, ob ich nicht mal wieder eine rauchen sollte. Aber dann müsste man vor die Tür gehen. Es regnet. So kann ich eden Rückfall vermeiden. Jeep hätt ich – schon, weil mein Widerspruchsgeist geweckt wird.

Jetzt lenkt mich der Werner ab: „Wenn Du dann beim Arzt landest – die Rumhockerei in den Wartezimmern. Das ist doch schrecklich.“

Hui, das ist mein Thema: „Ja, weil so viele so regelmäßig gehen. Meine Nachbarin, die geht sowas von regelmäßig: montags, mittwochs und freitags. Das war ja sogar unlängst die Schlagzeile in der BLÖD: ‚Viele Alte gehen aus Langeweile zum Arzt.‘ Und dann gibt’s die Profis, die machen Praxen-Hopping, nicht, um den Arzt zu wechseln, sondern die Wartezimmerbesetzung. Weil sie ihre Story schon mehrfach denselben Leuten erzählt haben und die Stories der anderen auch schon in und auswendig kennen. Wenn Du einmal anfängst, hängst Du drin: In unserem Alter muss es ja der Urologe sein. Von da zum Endokrinologen. Der schickt Dich zum Augenarzt. Und beim Hausarzt Deines Vertrauens landest Du dann irgendwann siewieso – ich auch. Wollte nur mal son bisschen Fango und Massage. Ich dachte: Da gehste hin, kriegst nen Attest und schwupps. Flöte: Der Doc fragt, warum ich das will. Ich sag: Ich sag: Ach, wissen Sie, der Rücken. Er: ‚Der Rücken? Wann sind Sie das letzte Mal geröntgt worden?‘ – ’25 Jahre….‘ Jetzt war ich dran. Ab in die Röhre, Computertomo-Dingsbums. Ist natürlich sau-teuer. Einmal rein und raus: 700 €. 1000 Patienten braucht’s, bis sich der Apparat amortisiert hat. Ich habe zum wirtschaftlichen Nutzen beigetragen, komm zum Hausarzt zurück, der guckt sich den Befund an, sagt was von altersbedingtem Verschleiß und Schonung und verschreibt mir: Fango und Massage. Dann fragt er noch, ob ich nicht ne Kur wollte. Ich sag „Auf meine alten Tage?“ und erzähl noch, dass ich vor zwei Jahren alles probiert hab, aber alles abgelehnt wurde. Er sagt, mit dem Befund kriegt er ne Kur für mich durch. Du siehst ja: Jetzt, bloß ein Vierteljahr später bin ich hier, in Kur. Hauptanwendungen? Fango und Massage – Kostenpunkt? Ein paar lumpige Tausender.“

„Eh ich’s vergesse …“ Memoiren eines Nobody (Fragment 04)


Gerade erreicht mich eine persönliche Nachricht auf Facebook. Da fragt mich eine langjährige Bekannte:“Hallo…, als facebook freaks könnt ihr mir doch bestimmt sagen, wie das mit dem Urheberrecht ist, wenn ich z.B. einen Text, der jetzt nicht unbedingt aus der Presse stammt, auf facebook posten möchte. Ich denke da z.B. an einen Blogeintrag oder einen Text von einer fremden Webseite. Darf ich das, wenn ich ihn als Zitat kennzeichne und den Urheber angebe? Oder muss ich da eine Einwilligung einholen? Oder muss ich, wenn nicht, dann den Namen zu Guttenberg annehmen oder wie ist das? 😉
Ein fröhlicher Gruß …“

Ich hab geantwortet:
Meine (vielleicht etwas konventionelle und für viele langweilige, wenig Glamour ausstrahlende) Devise: Grundsätzlich zitieren und sagen, woher es ist. Aber Du kannst auch den Guttenberg heiraten, klar, dann darfst Du so machen, wie Du willst.

Im Besonderen sag ich mal so:

Ich hab mal wörtlich abgeschrieben bei einer Lateinarbeit (Cäsar: de bello gallico – gerade bei Google abgeschrieben) aus einem Reclam, welches vor dem Geburtsdatum des Lateinlehrers schon erschienen war. Das war die sichere Seite.

Wenn der Lehrer noch lebt, fragt er sich bis heute, wohin ich das Heft gezaubert hatte, als er mich kontrollierte  und er auch bei der Taschen-Inspektion nichts fand (es war im Hosenstall verschwunden – zu Lateinarbeiten hatte ich nur Hosen an, deren Falle mit einem Reißverschluss zuging).

Übrigens: Zur Zeit dieses speziellen Vorfalls – war nach 1962, meinem von den Beatles verschuldeten Wendejahr – waren meine Haare nicht mehr gegelt (beziehungsweise von der Brillantine „FLOT für den Herrn“ betoniert).

„Eh ich’s vergesse …“ Memoiren eines Nobody (Fragment 03)


Es wäre schön, wenn ich jetzt diesen Notizzettel wiederfände. Schon vor Jahren hatte ich da ein spezielles Kapitel skizziert. Leider hab ich ihn versaubeutelt, verschlampt. Unbewusst beabsichtigt? Ich hatte ja lange meditiert, hatte mich in mein Gehirn verkrochen und es geschafft, mich zu überzeugen, ich würde mich wirklich an die erste Zeit erinnern. Mein erster Augen-Blick? Der, über den das Erinnern nicht weiter hinausreicht? Ich hatte das aufgeschrieben, ganz rasch, fliegend, was da so hochkam. 

Der Notizzettel ist weg. Soll ich mich nochmals so wahnsinnig anstrengen? Ich weiß nicht mal, ob das neuerliche Ergebnis dann mit dem damaligen halbwegs kongruent ist. Da kann ich ja gleich was zusammenfabulieren. Zumal es niemanden wirklich interessiert, was ich noch weiß. Von damals. Als ich drei war. Oder noch etwas jünger.

Es interessiert ja nicht mal, was Ballack aus seiner Zeit als Dreikäsehoch erinnert. Oder Precht. Oder Merkel. Nicht mal wenn Stromberg da auspacken würde, könnte man einen Hund hinterm Ofen hervorlocken.

Apropos Ofen: Sowas gibt es ja kaum noch. Es gibt zwar immer mehr Hunde. Die hocken aber nicht hinter der Heizung, von wo man sie hervorlocken müsste oder könnte.

Irgendwie hab ich das dumpfe Gefühl, mein erster Blick ging in der neuen Wohnung nach oben an die Decke. Und da war ein großes Loch in der Decke. Und es war schwarz gesäumt. Ich sah dem Himmel, weil eine Brandbombe das Haus getroffen und ein Loch in die Decke gebombt hatte. Das Blau, das ich sah, war schwarz umrandet.
Das, behaupte ich jetzt mal, ist meine älteste Erinnerung. Eine halbe Stunde älter ist das Bild: Ich wandere an der Hand des Vaters mit einem Bollerwagen die Straße von der alten Wohnung zur neuen hinauf. „Hinauf“, weil die Straße leicht anstieg. Oder: wenn man sie in entgegengesetzter Richtung lief, leicht abschüssig war.

Den Vorteil sahen wir erst viel später, mit 17, 18, als wir schon keine Rollschuhe mehr liefen. Da war dann die Straße asphaltiert. Vorher war sie geteert und hatte immens viele Löcher. Da war nix mit Rollschuhlaufen. Nur der Sunderweg war asphaltiert. Aber der war nicht abschüssig. Und auf dem fuhren damals nicht so schrecklich viele Autos, aber genug, um die Mütter zum Verbot zu veranlassen: „Du gehst nicht zum Sunderweg!“

Dabei war das auch die einzige Möglichkeit, den Pitschendopp kreisen zu lassen, diesen Holzkegel mit dem Nagel in der Spitze, der mit der Peitsche immer angetrieben werden musste. Auch der Heuldopp kreiselte ausschließlich auf dem Sunderweg.

Und wen juckt das? „Eh ich vergesse … Memoiren eines Nobody“. Immer hatte ich diesen Roman schreiben wollen. Nicht als Biografie, nicht als Memoiren. Als Roman. Irgendwo fand ich den Satz: Autoren schöpfen meist aus dem eigenen Erleben. So spannend war und ist mein Leben aber nicht. Das reicht nicht für einen Roman, nicht mal für eine Kurzgeschichte. Und eine Biografie …

Ich werde doch die Notizzettel suchen. Sie sind irgendwo. Ich hab sie all‘ die Jahre gehabt. Aber dann … Und ich weiß warum: Dieses Wühlen im Gestern, das ist von Übel! Alles Weitere wird jetzt erfunden. Scheiß was auf die Zettel und die Memos. Moin, Moin!