Das Chaos lieben lernen


Manchmal wird man ganz unverhofft an seine Vergangenheit erinnert – so wie wir heute per Seite-3-Geschichte in der Süddeutschen Zeitung über Herrn Fernengel, einen Ex-Filmregisseur und Ex-Lehrer, der nun seit zwei Jahren ein Antiquariat in Berlin hat, Winsviertel, Prenzlauer Berg, Immanuelkirchstraße, schräg gegenüber der Nummer 29, in der heute eine Weinhandlung betrieben wird.

„In anderen Zeiten saßen die Leute an Tischen davor, tranken Veltliner und Rioja und rauchten“, schreibt der Autor Hilmar Klute. Ich sage mal so: „In anderen Zeiten“ hieß die Location „Briefe an Felice“, und da saßen die Leute nicht nur draußen, sondern auch drinnen, tranken was und rauchten. Den Grund für den außergewöhnlichen Namen findet Ihr im attachierten Zeitungsausschnitt.

Dieses Bild hat ein leeres alt-Attribut; sein Dateiname ist wins-1.jpg.

Und weshalb wir mit dieser kleinen Geschichte in unsere Vergangenheit getaucht werden? Im „Briefe an Felice“, welches eine winzige Bühne von Bügelbrettgröße und den zugehörigen Zuschauerraum für knapp 40 Stühle hatte und von einem Ex-Indendanten-Stellvertreter des Theater Anklam geführt wurde, haben wir 1994 nicht nur unser „Autonomes Goethe- und Schiller-Theater“ (AuGuST) gegründet (heute: Theater Neu-Ulm), sondern auch unsere ersten beiden Vorstellungen gegeben. „Liebe & andre Katastrofen. Passen Männer und Frauen üüüberhaupt zusammen?“

Kenner unserer Programme wissen: Da geht es unter anderem um die großen Fragen unserer Gesellschaft, um die chaotischen Frauen und die starrsinnigen Männer, um Urknall und die Kehrwoche als Ersatz für verlorengegangenen Sinn des Lebens. Das Kabarettprogramm und vor allem das Publikum im vollbesetzten Parkett der zweiten Vorstellung passten außerordentlich gut zusammen: Eine Studentin (21) brachte uns im Gespräch nach der Vorstellung auf etwas sehr Entscheidendes: „In diesem Programm dürft Ihr nicht einen eher linearen Schluss bringen. Ihr müsst, wenn Ihr Euren Inhalt stringent abrunden wollt, am Ende eine nichtlineare Lösung finden. Das Leben und die Liebe sind doch chaotisch.“

Wir sind dem Rat gefolgt und damit bestens gefahren. Wir bauten für den „Er“ die Passage ein: „Lernen wir das Chaos zu lieben, Männer. Lernen wir mit den Rätseln zu leben. Es muss ja nicht alles zusammen passen – jedenfalls nicht hundert-prozentig …“

Das Programm spielen wir bis heute, neuerdings in der aktualisierten Form „Liebe & andre Katastrofen. Für Fortgeschrittene“. Der nichtlineare Schluss wurde im Laufe von mehr als zwei Jahrzehnten sogar noch verstärkt. Selbstredend!

Die gesamte Reportage über Herrn Fernengel ist toll. Einen Ausschnitt, der mir besonders gefallen hat, möchte ich hier auch noch attachieren.

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