“Eh ich’s vergesse…” – Memoiren eines Nobody (Fragment 07)


DRR-Parole: Den Kapitalismus überholen, ohne ihn einzuholen. Überlegt man sich, wie das zum Beispiel bei einem 10.000-Meter-Lauf im Stadionrund realisiert werden könnte, muss man einen Regelverstoß  einbauen (einfach quer über den Platz laufen). Beim Schreiben einer Dissertation nennt man solche Vorgehensweisen schavanieren. SchavaniererInnen schreiben nicht ab, die lesen etwas und setzen sich dann nach einiger Zeit hin, um aus dem Gedächtnis etwas aufs Papier zu bringen, von dem sie selbst annehmen, es sei auf dem eigenen Mist gewachsen. Im Brustton der Überzeugung können auch Katholik(inn)en dann schwören: Ich habe nicht abgeschrieben.

Schavanieren war bis zu den 80ern des vergangenen Jahrhunderts dem Vernehmen nach usus. Doktorväter waren darauf angewiesen, dass wenigsten angegeben wurde, was gelesen worden war. Dann konnten sie die Quelle nachlesen und geklaute Stellen ausfindig machen. Mein Lateinlehrer kam mir nie auf die Schliche, weil ich einen ganz alten Cäsar-Reclam hatte, von meiner Tante, die das gute Stück auch schon antiquarisch erworben hatte.

Später, in unserer immer schneller werdenden Zeit konnte man das Gelesene nicht mehr reifen lassen; außerdem verführte der technische Fortschritt zu Neuentwicklungen, die wie das bald verfügbare Guttenplaggen Umwege übers Hirn obsolet machten. Als verhängnisvoll erwies sich aber dann: Nicht nur die Herkunft guttengeplaggter, sondern auch schavanierter Texte konnte kann ausfindig gemacht werden. Das überrascht viele noch immer. Die fragen sich weiterhin: Wie kann etwas, was 33 Jahrre lang nicht aufgefallen war, auf einmal auffliegen? Klar, wenn die Deschavanier-Maschine praktisch nur für Nerds nicht wirklich enigmatisch daherkommt.

Kleine Bemerkung am Rande: Jeder Gedanke ist ein elektrischer Impuls. Es gibt bereits Antennen, welche dieses Denken einfangen und entziffern. Ich nenne jetzt hier nicht den Namen eines Dienstes, ich vermeide schon das Denken dieses Namens – weil mein Gedanke bei der Gedanken-Polzei einen Alarm auslösen würde (der Begriff Polzei ist hier absichtlich fehlerhaft geschrieben).

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Intriganten, Intriganten


Gestern hatte ich mich übers Thema 'Lügen auf der Theaterbühne' und "Lügen auf der Bühne des Lebens' ausgelassen.

Das bringt mich drauf, an dieser Stelle heute den Ball vom guten Heinz Erhardt anzunehmen und mit einem langen Pass nach vorn zu spielen:

Was es nicht alles gibt !

Zunächst ist da der Vorhangmann –
eh der nicht zieht, fängt es nicht an!
Sehr nützlich ist der Inspizient-
er klingelt immer, ruft und rennt!
Fürs Haar ist wichtig die Frisöse –
Für'n Text nicht minder die Sufflöse!
Den Anzug bügelt der Gardrober –
das Bier bringt der Kantinenober!

Dann gibt es die Kulissenbauer –
und Komiker, die immer sauer!
Es gibt den Held, den Bongwiwang –
und die Suhbrette mit Gesang!
Heldenmutter- Heldenvater –
auch diese braucht man am Theater!

Wen gibt's denn noch? – Den Intendanten!
Und dann vor allem: Intriganten
Intriganten – Intriganten – Intriganten


Bei uns gibt es – wie in den allermeisten freien Bühnen – keinen Vorhangmann, keinen Inspizienten, keine Frisöse, keine Sufflöse, keinen Gardrober und keinen Kantinenober.

Es gab in den letzten drei Produktionen einen Kulissenbauer.

Es gibt aber wiederum keinen Helden (somit auch nicht dessen Mutter oder Vater), keinen Bongwiwang und keine Suhbrette mit Gesang. Ach, nen Komiker gibt's, der ist aber auch für alles andere zuständig. Klar, dass so eine freie Bühne auch keinen Intendanten hat.

Nur der letzte Posten in Heinz Erhardts Gedicht, der besetzt sich auch bei uns zeitweilig so ganz von selbst und heimlich leise weinend – bis die "Rolle" aus der Rolle fällt und zum Beispiel versehentlich eine SMS an die falsche Adresse schickt oder sich mit einer Mail an die falsche Box verrät. Dann wird die Rolle samt Inhabe(in) gestrichen.

Lügen – ein Elixier


Da hör ich doch gerade nochmal das schöne Lied "Im Theater ist was los" aus Kreislers "Heute Abend: Lola Blau" mit der Zeile "Die Lügen auf der Bühne sind die Wahrheit".

Leider musste ich als Regisseur (und Mitspieler) feststellen, dass vielmals auf der Bühne zu schlecht gelogen wird. Man glaubt die Lüge nicht.

Aber richtig bedauerlich ist, wie dreist außerhalb des Bühnengeschehens Theater gespielt, also gelogen wird. Und nicht nur die üblichen Verdächtigen (Politiker, Manager, Banker) … nein, dummerweise auch die kleinen Chargen.

Einfach abWedeln


Menschen mit gesundem Selbstwertgefühl werden nicht Schauspieler, meint Dieter – und lässt kaum ein gutes Haar an der Schauspielzunft.

„Es gibt zwei Motivationen für diesen Beruf. Die einen sind narzisstisch veranlagt und finden sich so toll und schön, dass sie sich allen zeigen möchten. Das sind die, die immer nur sich selbst spielen wollen. Die anderen finden sich so furchtbar, dass sie ein Leben mit sich nicht aushalten. Deshalb schlüpfen sie in andere Leben“, sagte der 67-Jährige.

Ja, 67 ist er (eigentlich aber schon 70; das gibt er aber nicht zu, weil er selbst so narzistisch veranlagt ist). Stutzig geworden? Es ist nicht Dieter Bohlen, sondern Dieter Wedel.

Er weiß vermutlich nicht, dass auch jeder absolut gesunde Mensch narzisstische Züge hat. Bei den gefährlich narzisstischen Menschen unterscheidet Bärbel Wardetzki in ihrem Buch „Eitle Liebe“ (Leseprobe) zwei „grundlegende narzisstische Reaktionsmuster: die minderwertige oder depressive und die grandiose Form“.

Wedel ist der „grandiose Narziss“. Ich hab mir schon seit geraumer Zeit zu eigen gemacht: Gerate ich an einen Typ mit diesem Reaktionsmuster, kann ich nur abWedeln. Den änderst Du nicht. Da muss ich einfach die Segel streichen. Und beim „minderwertig und depressiven Narziss“? AbWedeln! Auch! Wer wissen will, wie ich dazu komme? Lest die „Eitle Liebe“, die ich vor zwei Wochen entdeckt habe. Dann muss ich nicht soviel erklären.

Theatermachen – Glück oder Leiden?


"Liegt das Glück in den Genen?" Um diese Frage kreist der neue Roman ("Das größere Glück", Ü. Henning Ahrens, s. Fischer) des US-Starautors Richerd Powers. Im Interview, welches Stephan Maus vom "Stern" mit Powers geführt hat, geben mir zwei Antworten besonders zu denken. Ich rege alle hier Lesenden an, "Schreiben" mit "Theatermachen" zu ersetzen


Ist Schreiben Gl
ück oder Leiden?

Wie alles andere ist es ein Zwitter. Ich glaube, wir verwechseln in der Konsumgesellschaft Glück mit Befriedigung. In der Vergangen­heit dachte man, Glück bedeutet, das Beste aus dem zu machen, was einem gegeben wurde. Jetzt ist die Versuchung groß zu sagen: Das Geheimnis des Glücks liegt darin, alle üblen Sachen, die einem zustoßen, loszuwerden und Zufall durch Wahl zu erset zen. Statt eine innere Antwort auf die Frage nach dem Glück zu su­chen und Selbstkontrolle, Selbst­erkenntnis und Selbstbeherr­schung als die besten Antworten auf das Schicksal zu betrachten, versuchen wir, die äußere Welt zu beherrschen.

Was heißt das für Ihr Schreiben?

Was wir in Wirklichkeit wollen, ist nicht Befriedigung, sondern Bedeutung. Sinn macht mich glücklich. Und ich glaube, das gilt für die meisten von uns. Wir wol­len in einem Zustand des Fließens sein, in dem wir spüren, dass die Arbeit, die wir gerade machen, Teil eines größeren Projektes ist, Teil einer sinnvollen Unterneh­mung. Und im besten Falle ist Schreiben genau das. Du spürst, dass du in Verbindung zu einer größeren Geschichte als deiner eigenen getreten bist. Wenn es fließt, gibt es nichts Besseres als Schreiben. Wenn es nicht fließt, heißt das natürlich auch, dass du gerade vom besten Spiel in der Stadt ausgeschlossen wurdest

Gefunden in "Stern", Nr. 41, 01. 10. 2009, S. 142

Der stärkste Impuls der Natur


"Der Drang, sich fortzupflanzen, die eigenen Gene zu verbreiten, ist der stärkste Impuls in der gesamten Natur. Oder, wie Sherwin B. Nuland es formulierte:

'Königreiche stürzen, festgefügte Charaktere brechen zusammen, große Symphonien werden geschrieben – und hinter allem steht ein einziger Instinkt, der nach Befriedigung verlangt.'

Aus der Sicht der Evolution ist Sex nur ein Belohnungsmechanismus, der uns motivieren soll, unser genetisches Material weiterzugeben."

Das las ich im Zuge der Vorbereitung der neuen Saison im AugusTheater Neu-Ulm bei Bill Bryson ( "Eine kurze Geschichte von fast allem", Goldmann, 2005).

Wie könnten solche Erkenntnisse sich aufs Erstellen von Theaterproduktionen auswirken?
Lähmen Sie?
Beflügeln sie?
Soll man trotzdem Theater machen?
Oder gerade deswegen?

Mythos Theater – mal auskehren!


Was wird rumdiskutiert, ob und wie Theater zu sein hat… Wenn man sich die Förderrichtlinien anguckt, dann findet man zum Beispiel solche Richtlinien (Ausschnitt):

"Theater in Sinne der Fördergrundsätze sind selbstständig betriebene Bühnen, die überwiegend mit von ihnen angestellten Künstlern dramatische, musikalische oder choreographische Bühnenwerke aufführen und eine eigene Spielstätte unterhalten." Was aber "dramatische, musikalische oder choreographische Bühnenwerke" genau sind, das ist wiederum nicht ganz sooo klar.

Ist "Rimini Protokoll" in diesem Sinne förderungswürdig? Sind deren Produktionen Bühnenwerke und wodurch werden sie es? Wer zum Beispiel kreativ genug ist, eigene Stücke zu schreiben, und die tatsächlich aufführt, spart zwar die Tantiemenzahlungen, aber womöglich gefährdet er seine Förderung. Was ist, wenn private (Profi-)Theater überwiegend Komödien spielen, weil damit mehr Publikum gewonnen wird und damit überlebensnotwendige Einnahmen erzielt werden? Darf das nicht sein?

Abgesehen von Problemen, die man womöglich auf Grund dieser Praxis mit Geldgebern in Stadt und Land bekommen könnte, gibt es ja noch dieses nicht ganz einflusslose Häufchen von Intellektuellen, die (auch) in Bezug auf "Theater" ihren Standpunkt gewonnen haben, den sie vehement vertreten, Formel: In D ist E besser als U. Da könnte ich einige nennen. Die saßen und sitzen bei "Theaterheute" wie an den Stammtischen der Theaterkantinen und in Zirkeln im Dunstkreis der Theater. In dem Zusammenhang fand ich dieses Interview echt spannend.

Daraus hier für die schnellen Leser nur ein Zitat: "Schiller wurde seinerzeit nach einem Jahr als Dramaturg des Nationaltheaters in Mannheim entlassen – wegen Erfolglosigkeit. Unter dem Intendanten Goethe wurde im Weimarer Theater vor allem Unterhaltung gespielt. Der Anteil der Klassiker Schiller, Goethe und Lessing an den subventionierten Hoftheatern lag bei maximal fünf Prozent."